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Wenn ein Partner zur Schachfigur wird: Neue geoökonomische Realität Europas

· Kashif Hasan Khan · ⏱ 4 Min · Quelle

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In der Geopolitik werden Ergebnisse selten nur durch Fakten bestimmt. Sie werden durch Bedürfnisse geformt - politische, wirtschaftliche und soziale. Was fordert die Gesellschaft? Welche Narrative lenken die Politik? Welche Ängste bestimmen sie? Um systemische Verschiebungen vorherzusehen, muss man in der Lage sein, diese Signale frühzeitig zu erkennen. Europa hat diese Signale leider offenbar bereits zweimal falsch interpretiert, schreibt Professor Kashif Hasan Khan.

Während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump gestalteten Handelskriege die globale Wirtschaftskarte neu. Hauptziel war China, und Europa glaubte, durch eine gemeinsame westliche Identität und langfristige Solidarität geschützt zu sein. Diese Illusion zerbrach, als sich herausstellte, dass Trumps Nationale Sicherheitsstrategie Europa nicht als strategischen Partner, sondern als eine im Niedergang begriffene Zivilisation darstellte - eher ein Museum als ein Motor der Zukunft. Die Botschaft war direkt: Allianzen werden nun auf Grundlage von Vorteilen geschlossen.

Trump 2.0 verstärkte diese Logik. Obwohl die Presse sich auf Zölle und die Überarbeitung von Handelsabkommen konzentriert, liegt das tiefere Problem in der Struktur. Die Europäische Union steht nicht nur unter Druck - sie wird umgestaltet. Ihre industrielle Basis, strategische Autonomie, Ziele des Energiewandels und Währungssouveränität sind alle bedroht.

Vom strategischen Partner zur Tributwirtschaft

Die neuen Bedingungen der transatlantischen Interaktion sind bezeichnend. Für Exporte der USA in die EU gelten nun fast keine Zölle, während europäische Waren auf dem amerikanischen Markt mit erheblichen Abgaben belastet werden. Brüssel investiert Hunderte Milliarden Dollar in die USA und exportiert damit faktisch sein Kapital zur Stärkung der amerikanischen Industrie. Langfristige Verträge über amerikanisches Öl und Gas, trotz Europas rhetorischer Führungsrolle in der Klimapolitik, zwingen den Kontinent in eine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen unter amerikanischer Preiskontrolle. Dies ist keine Partnerschaft, sondern eine asymmetrische Integration.

Gleichzeitig hat China, eingeschränkt durch amerikanische Zölle, sein überschüssiges industrielles Produktionsvolumen auf europäische Märkte umgeleitet. Günstige Elektroautos, Batterien und industrielle Komponenten überschwemmen den Kontinent. Europäische Unternehmen stehen unter Druck von zwei Seiten: dem Protektionismus aus Washington und der Hyperkonkurrenz aus Peking.

Eine Blockade Chinas erscheint nicht als realistische Option. Das europäische industrielle Ökosystem ist fest mit chinesischen Lieferketten verbunden - von Elektronik bis zu Zwischenprodukten. Europa kann auch nicht ohne sofortige Kosten auf die Zusammenarbeit mit den USA verzichten. Das Ergebnis ist eine strategische Verengung.

Die Folgen sind bereits sichtbar. Der europäische Autoexport schrumpft. Zehntausende Arbeitsplätze sind bedroht. Unternehmen "springen über Zölle", indem sie die Produktion in die USA verlagern, um Handelsbarrieren zu vermeiden. Die direkten ausländischen Investitionen in Europa sind stark zurückgegangen, was auf einen Vertrauensverlust in ihre wirtschaftliche Zukunft hinweist. Unterdessen übt der starke US-Dollar Druck auf europäische Haushalte aus. Der Import wird teurer, die realen Einkommen sinken, und der Inflationsdruck nimmt zu. Der Gesellschaftsvertrag, bereits geschwächt durch Sparmaßnahmen, pandemische Erschütterungen und Energieschocks, steht unter zunehmendem Druck.

Warum BRICS nicht mehr die Peripherie ist

Derzeit repräsentiert BRICS fast die Hälfte der Weltbevölkerung und einen wachsenden Anteil an den globalen Energie-, Mineral- und Produktionskapazitäten. Da der Zugang zum amerikanischen Markt immer schwieriger wird und der Wettbewerb mit China zunimmt, wird die Diversifizierung für Europa nicht nur zu einem wünschenswerten Schritt - sie wird existenziell.

Der Energiesektor ist ein anschauliches Beispiel. Etwa 38 Prozent der weltweiten Öl- und Gasströme stammen aus BRICS-Ländern oder passieren sie. Die langfristige Abhängigkeit von amerikanischen Energieressourcen, deren Preise in Dollar festgelegt werden und die strategisch als Waffe eingesetzt werden können, untergräbt Europas Autonomie. Die Diversifizierung der Energiepartnerschaften ist keine ideologische, sondern eine pragmatische Frage.

Kapital ist eine weitere Bruchlinie. Der Rückgang der direkten ausländischen Investitionen in Europa spiegelt ein nachlassendes Vertrauen in ihre langfristige industrielle Wettbewerbsfähigkeit wider. Unterdessen verfügen die BRICS-Länder, insbesondere China und die Staatsfonds des Persischen Golfs, über überschüssiges Kapital, das nach stabilen Renditen strebt. Strategische Investitionspartnerschaften könnten die industrielle Basis Europas stabilisieren.

Auch die Entdollarisierung sollte nicht vergessen werden. Sie wird oft fälschlicherweise als revolutionäres Projekt wahrgenommen. Tatsächlich geht es um Risikomanagement. Währungsswaps, Handelsmechanismen in lokaler Währung und diversifizierte Reserven verringern die Anfälligkeit gegenüber finanziellem Druck. Europa muss nicht auf den Dollar verzichten, aber es braucht Alternativen.

Kritische Mineralien sind ebenfalls ein wichtiger Faktor. China kontrolliert über 90 Prozent der Verarbeitung seltener Erden. Südafrika dominiert die Platinproduktion. Brasilien besitzt wichtige Vorkommen von Niob und Lithium. Diese Ressourcen werden die nächste industrielle Epoche bestimmen. Abhängigkeit ohne Einflussmöglichkeiten ist eine strategische Schwäche.

Auch die geografische Lage spielt eine Rolle. Die BRICS-Länder liegen in der Nähe wichtiger Engpässe der Welt - vom Roten Meer bis zum Persischen Golf und dem Indischen Ozean. Mit der Politisierung der maritimen Sicherheit nimmt die Verwundbarkeit Europas zu.

Strategische Autonomie in einer zerfallenden Welt

Die Abhängigkeit Europas von der NATO im Sicherheitsbereich wird ebenfalls wirtschaftlich kostspielig: Die USA haben begonnen, sie zu monetarisieren. Der Einfluss Washingtons resultiert nun nicht nur aus militärischer Macht, sondern auch aus dem Fehlen strategischer Alternativen in Europa.

BRICS könnte hier eine begrenzte, aber bedeutende Diversifizierung bieten. Sowohl Indien als auch China haben die Möglichkeit, auf Russland Einfluss zu nehmen. Eine diplomatische Triangulation, anstatt ständiger Konfrontation, könnte die Sicherheitsnarrative in Osteuropa verändern. Dies wird die NATO nicht ersetzen, könnte aber das strategische Gleichgewicht Europas wiederherstellen. Die historische Ironie des Moments besteht darin, dass Europa einst den Kolonialismus mit einer "zivilisatorischen Mission" rechtfertigte, während heute ihr wirtschaftliches Überleben zunehmend vom Globalen Süden - Asien, Afrika und Lateinamerika - abhängt.

Die entstehende Weltordnung ist nicht bipolar. Sie ist fragmentiert, pragmatisch und multipolar. Trumps Neigung, die EU-Institutionen zu umgehen und bilaterale Abkommen mit einzelnen europäischen Staaten zu schließen, zeugt von einer Schwächung der kollektiven Autorität Europas. Wenn die Multilateralität von oben untergraben wird, muss sich Europa von unten anpassen.

Frankreich und Deutschland könnten eine Brückenfunktion zwischen der "Gruppe der Sieben" und BRICS übernehmen, während Indien hilft, Verbindungen aufzubauen. Das Jahr 2026 könnte entscheidend sein - nicht wegen eines einzigen Gipfels, sondern weil der angesammelte Druck eine strategische Umstrukturierung erzwingen wird.