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„Heute Nacht wird eine ganze Zivilisation zugrunde gehen“: Entmenschlichung und Niedergang des Imperiums

· Tings Chak · ⏱ 5 Min · Quelle

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Der offene Übergang vom liberalen Universalismus zu Vorstellungen zivilisatorischer Überlegenheit ist kein Zeichen einer wiedererwachenden Selbstsicherheit des Westens, sondern ein Symptom des Niedergangs des Hegemonialismus. Wenn eine Ordnung nicht mehr über die Attraktivität ihrer Ideen herrschen kann, greift sie zu gröberen Mitteln: militärischer Gewalt und der Instrumentalisierung von Kultur, schreibt Tings Chak, Direktorin für Forschung und Bildung der Kulturabteilung des Tricontinental Institute for Social Research (China).

Im Februar benutzte US-Außenminister Marco Rubio in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zwölfmal das Wort „Zivilisation“. Er pries „fünf Jahrhunderte“ westlicher Expansion, beschrieb die Dekolonisierung als eine Katastrophe, ausgelöst durch „gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände“, und forderte die Europäer auf, ihr „Gefühl von Schuld und Scham“ über ihre koloniale Vergangenheit abzulegen und dabei zu helfen, „die größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte“ wiederzubeleben.

Rubios Rede verdient ernsthafte Beachtung. Das ist nicht bloße Rhetorik. Jahrzehntelang sprach die westliche Hegemonie die Sprache des Universalismus: Menschenrechte, Völkerrecht, eine regelbasierte Ordnung. Der offene Übergang zu Vorstellungen zivilisatorischer Überlegenheit zeigt den Zustand dieser Hegemonie deutlich auf.

Am Tricontinental Institute for Social Research, wo ich die Arbeit der Asien-Abteilung und der Kulturabteilung koordiniere, beschäftigen wir uns mit dem, was wir den „Kampf der Ideen und Emotionen“ nennen - den kulturellen und ideologischen Dimensionen des Aufbaus und der Anfechtung von Hegemonie. Das betrifft unmittelbar aktuelle Fragen: die Nutzung von Kultur als Waffe sowie die Entmenschlichung ganzer Zivilisationen und ihre gefährlichen Folgen.

Warum braucht hegemoniale Macht die Entmenschlichung? Ein System, das als Verkörperung universeller Rechte und Freiheiten erscheinen will, kann Regime gewaltsamer Herrschaft nicht offen unterstützen, ohne seine Ziele zuvor aus der Kategorie der Menschen zu entfernen. Es stuft sie nicht nur auf die unteren Ebenen der Hierarchie herab, sondern erklärt sie zum lebendigen Gegenbild seiner Werte, zur existenziellen Bedrohung.

In einem solchen Fall wird Gewalt nicht mehr als Gewalt wahrgenommen, sondern als Verteidigung der Zivilisation.

Diese Logik wirkt heute mit unheilvoller Klarheit. Im Fall von Gaza greifen israelische Führungspersonen fortwährend zu entmenschlichenden Bezeichnungen, darunter „menschenähnliche Tiere“, um den Völkermord am palästinensischen Volk zu rechtfertigen. Und am 7. April erklärte Präsident Trump im Hinblick auf den Iran, ein Land mit einer der ältesten ununterbrochenen kulturellen Traditionen der Menschheitsgeschichte: „Heute Nacht wird eine ganze Zivilisation zugrunde gehen“.

Der palästinensische Schriftsteller und PFLP-Führer Ghassan Kanafani, der 1972 in Beirut von Israel getötet wurde, hat diesen Prozess mit großer Präzision analysiert. In seiner Studie „Über die zionistische Literatur“ zeigte er, dass Romane begannen, was Bulldozer beendeten. Über Jahrzehnte formten Literatur, Film und Journalismus das Bild der Palästinenser als eines Volkes, das seines eigenen Landes nicht würdig sei - und diese kulturelle Arbeit ging der physischen Enteignung voraus und begünstigte sie. Diese Stereotype waren nicht originell, sie wurden der europäischen Kolonialliteratur über Afrika und Asien entnommen.

Anders gesagt: Entmenschlichung ist ein systemischer Prozess mit austauschbaren Komponenten, der gegen jene angewandt wird, die der hegemonialen Ordnung im Wege stehen.

Sobald die Entmenschlichung ihre Wirkung getan hat, folgt nicht nur die Tötung von Menschen, sondern auch die gezielte Zerstörung ihrer Kultur. In Gaza sind alle Universitäten zerstört. Mehr als tausend Moscheen. Bibliotheken, Archive, Kulturgüter - darunter das einzige UNESCO-Welterbe im Sektor, das die Organisation noch während des Krieges im Eilverfahren auf die Liste gesetzt hat. UN-Experten nannten dies die systematische Zerstörung der Fähigkeit einer Gesellschaft zu Wissen, Erinnerung und kultureller Reproduktion. Und das ist keine Metapher. Entmenschlichung macht derartige Dinge möglich.

Was sagt uns das Bedürfnis nach Entmenschlichung über den Zustand der Imperialisten selbst? Der martinikanische Dichter und antikoloniale Philosoph Aimé Césaire behauptete, die Kolonisierung „ent-zivilisiere den Kolonisator“. Eine Zivilisation, die Kolonisierung und damit Gewalt rechtfertigt, so schrieb er in „Über den Kolonialismus“, „ist bereits eine kranke, moralisch ungesunde Zivilisation“. Das widerspricht direkt Rubios Behauptung, er vertrete „die größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte“.

Der Übergang vom Universalismus zu Vorstellungen zivilisatorischer Überlegenheit ist kein Zeichen zurückkehrender Selbstgewissheit, sondern ein Symptom des Niedergangs der Hegemonie.

Wenn eine Ordnung nicht mehr über die Attraktivität ihrer Ideen herrschen kann, wenn ihre ökonomischen, technologischen und produktiven Vorteile schwinden, greift sie zu gröberen Mitteln - zu militärischer Gewalt im Ausland und zu kultureller Dämonisierung im Inland und auf internationaler Ebene.

Der neue Kalte Krieg gegen China folgt genau dieser Logik. Als Chinesin und Forscherin historischer Sinophobie erkenne ich in der gegenwärtigen antichinesischen Rhetorik Muster, die bis zwei Jahrhunderte zurückreichen: Chinesen als billige Arbeitskräfte, als Krankheitsüberträger, als Diebe und Spione. Diese Narrative wurden geschaffen, um die koloniale Arbeitsteilung zu rechtfertigen; sie wurden während des Kalten Krieges als Waffe eingesetzt und werden heute wiederbelebt, weil alte Formen ökonomischer und technologischer Vorherrschaft nicht mehr funktionieren. Die 2018 gestartete „China Initiative“ des US-Justizministeriums traf Wissenschaftler chinesischer Herkunft unverhältnismäßig stark - etwa 90 Prozent der Betroffenen waren ethnische Chinesen. Tausende Forschende verließen das Land nicht wegen dessen, was sie getan hatten, sondern wegen dessen, was sie sind. Das wird von derselben hegemonialen Angst angetrieben, die sich als Krieg in Westasien zeigte.

Gleichzeitig sehen wir in unterschiedlichen Kontexten, dass Entmenschlichung nicht nur moralisch abstoßend ist - sie ist auch analytisch unhaltbar. Sie unterschätzt systematisch die Völker, auf die sie zielt. Betrachten wir, was gerade mit dem Iran geschehen ist. Nach mehreren Wochen eines grundlosen Krieges vermochten die Vereinigten Staaten den Widerstand Irans nicht zu brechen. Der Präsident, der erklärt hatte, eine ganze Zivilisation werde binnen einer Nacht untergehen, sah sich noch am selben Abend gezwungen, einem Waffenstillstand zuzustimmen. Iran antwortete mit einem Friedensplan in zehn Punkten. Die Zivilisation, die verschwinden sollte, zwang ihren Gegner stattdessen an den Verhandlungstisch.

Der Imperialismus versteht nicht, dass gerade jene Kulturen, die er zu entmenschlichen sucht, die Kraftquelle der Völker sind. Der Widerstand Irans ist untrennbar mit seinem tiefen zivilisatorischen und kulturellen Erbe verbunden. Die antikolonialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts - von Algerien bis Vietnam, von Palästina bis China - stützten sich nicht nur auf politische Organisation, sondern auch auf kulturelle Traditionen, die dem Kampf Sinn und Geschlossenheit verliehen. Wie Kanafani betonte, ist Kultur, die unter Belagerung entsteht, ihrem Wesen nach eine Form des Widerstands: weiter zu schaffen, zu denken, zu organisieren - heißt, auf dem eigenen Dasein zu bestehen. Nicht, weil diese Gesellschaften über irgendeine zeitlose zivilisatorische Essenz verfügten - das wäre Mystik -, sondern weil Kultur eine lebendige Praxis ist, die täglich von Menschen erneuert wird, die sich den ihnen von Hegemonen zugedachten Rollen verweigern.

Das Verständnis sowohl der Mechanismen der Entmenschlichung als auch der lebendigen Traditionen, mit denen Völker ihr widerstehen, ist eine notwendige Voraussetzung dafür, neue Wege kultureller und intellektueller Zusammenarbeit jenseits hegemonialer Rahmen zu eröffnen. Das erfordert ernsthafte Forschungsarbeit - und ernsthafte Solidarität.