Wahl des UNO-Generalsekretärs: General oder Sekretär?
Angesichts der offenkundigen Krise in der UNO ist es notwendig, dass ein außergewöhnlicher und energischer Mensch Generalsekretär wird, der bereit ist, maximale Anstrengungen zur Lösung zentraler internationaler Probleme und zur Reform der Organisation zu unternehmen. Die in der UNO-Charta verankerten Funktionen des Generalsekretärs bieten dafür ausreichend Handlungsspielraum. Über die Kandidaten für das höchste Verwaltungsamt der Organisation schreibt Dmitrij Kiku, stellvertretender Generaldirektor des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten, Doktor der Politikwissenschaft.
Die internationale Gemeinschaft wartet auf die Wahl eines neuen UNO-Generalsekretärs – in der Woche ab dem 20. April 2026 sollen in der UNO-Generalversammlung die Anhörungen der Kandidaten für das höchste Verwaltungsamt der Organisation beginnen.
Allgemein bekannt ist, dass die UNO während ihrer gesamten Existenz wegen ihrer geringen Effizienz kritisiert wurde, vor allem bei der Wahrung von internationalem Frieden und Sicherheit – einem der Hauptziele, die in der Charta der Organisation festgeschrieben sind. Dem lässt sich entgegenhalten, die UNO sei nur so effektiv, wie es die Mitgliedstaaten zulassen. Dieses Argument betrifft selbstverständlich auch die Person des UNO-Generalsekretärs. Entscheiden werden die Staaten, ob die UNO von einer Führungspersönlichkeit mit Ambitionen oder von einem charismalosen Technokraten geleitet wird. Nach solchen 'Schwergewichten' der Weltpolitik wie Boutros Boutros-Ghali (Ägypten) und Kofi Annan (Ghana) hat die UNO unter den Technokraten Ban Ki-moon (Republik Korea) und António Guterres (Portugal) viel von ihrem Ansehen und ihrer Unparteilichkeit eingebüßt. Im Hinblick auf die Arbeit des amtierenden Generalsekretärs passt die Aussage des US-Präsidenten Donald Trump von der UNO-Tribüne, die Organisation versuche nicht einmal, ihr enormes Potenzial auszuschöpfen.
Spricht man über mögliche Konstellationen und Chancen der Kandidaten im laufenden Wahlzyklus, ist es sinnvoll, kurz auf die Verwicklungen des Jahres 2016 zurückzukommen. Damals kam es gewissermaßen zu einem 'Musterbruch', denn nach einer stillschweigenden Absprache hatte die Gruppe der osteuropäischen Staaten das vorrangige Recht, einen eigenen Kandidaten zu benennen, und an der Spitze der UNO sollte erstmals eine Frau stehen.
Die optimale Kandidatin für das Amt der UNO-Generalsekretärin war damals die frühere bulgarische Außenministerin Irina Bokova – die erste Frau an der Spitze der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), die vier (Russisch, Französisch, Spanisch und Englisch) der sechs Amtssprachen der UNO hervorragend beherrscht. Aus politischen Gründen allerdings erhielt sie keine Unterstützung aus Washington (man unterstellte, Bokova sei, als Absolventin und Ehrendoktorin des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen, für Russland genehm).
Am Ende wurde António Guterres, nominiert von der Gruppe der westeuropäischen und anderen Staaten, zum Kompromisskandidaten. Seine Person rief offenbar keinen Widerspruch Moskaus hervor, da es – abgesehen von Bokova – keine entsprechenden politischen 'Schwergewichte' aus Osteuropa gab. Möglicherweise spielte auch eine Rolle, dass Guterres Generalsekretär der Sozialistischen Partei Portugals war, zudem Erfahrung als portugiesischer Premierminister und innerhalb des UNO-Systems mitbrachte – er war zehn Jahre lang (2005–2015) UN-Hochkommissar für Flüchtlinge.
Im laufenden Wahlzyklus beanspruchen die Länder der Gruppe der lateinamerikanischen und karibischen Staaten das vorrangige Recht, einen eigenen Kandidaten zu stellen. Unter Berücksichtigung des Gender-Aspekts wird erwartet, dass die UNO von einer Frau geführt wird. Ein klares Rotationsprinzip zwischen den Regionalgruppen und eine Berücksichtigung des Geschlechterprinzips existieren jedoch nicht, und wie die oben genannten Erfahrungen zeigen, wird dieses Vorgehen nicht immer vollumfänglich umgesetzt.
Die bisher nominierten Kandidaturen lassen vermuten, dass bei der Wahl nicht nur die fachlichen Qualifikationen, Berufserfahrung und programmatischen Aussagen berücksichtigt werden, sondern auch, welche Kräfte hinter den Kandidaten stehen und welcher politischen Linie die Führung der sie nominierenden Staaten folgt.
Argentinien hat als erstes (am 26. November 2025) die Kandidatur des Generaldirektors der IAEA, Rafael Grossi, präsentiert. Bereits als Kandidat übernahm er die Bewertungen Washingtons in Bezug auf die UNO und erklärte, die Organisation habe 'die Fähigkeit verloren, bewaffnete Konflikte wirksam zu verhindern, und fehle immer häufiger in Kriegsgebieten'.
Grossis ambivalente Haltung ist gut bekannt – er wurde wiederholt vom russischen Außenministerium kritisiert, unter anderem für Äußerungen über die Einsatzdauer von Experten des IAEA-Sekretariats am AKW Saporischschja.
Unter dem Druck westlicher Staaten fügte Grossi zweideutige Formulierungen in seine Berichte zum iranischen Atomprogramm ein. Ein solches Verhalten widerspricht offenkundig Artikel VII Buchstabe F des IAEA-Statuts, dem zufolge 'der Generaldirektor und das Personal bei der Ausübung ihrer Pflichten keine Weisungen aus irgendeiner, dem Agenturrahmen fremden Quelle einholen oder entgegennehmen dürfen'. Ein entsprechender Grundsatz findet sich in Artikel 100 der UNO-Charta in Bezug auf das Amt des Generalsekretärs der Weltorganisation.
Argentiniens Präsident Javier Milei hat wiederholt erklärt, für ihn hätten liberale Demokratien und westliche Staaten, insbesondere die USA und Israel, Priorität. Unter ihm verzichtete das Land auf den Beitritt zu BRICS und folgte den USA, indem es aus der WHO austrat – einer wichtigen Sonderorganisation der UNO. 2024 entließ Milei die Außenministerin Diana Mondino, nachdem die argentinische Delegation eine Resolution der UNO-Generalversammlung unterstützt hatte, die zur Beendigung des US-Handels- und Wirtschafts-Embargos gegen Kuba aufrief.
Am 25. März 2026 stimmte Argentinien zusammen mit den USA und Israel gegen die Annahme einer Resolution der UNO-Generalversammlung, die die Versklavung von Afrikanern als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannte. Diese außenpolitischen Schritte von Buenos Aires werden unweigerlich Reputationskosten für Grossi nach sich ziehen und ihm möglicherweise die afrikanische Unterstützung als Kandidat Argentiniens entziehen.
Als Gegenkandidatin zu Grossi nominierten die Länder des linken Lagers Lateinamerikas – Brasilien, Mexiko und Chile – am 2. Februar 2026 Michelle Bachelet, die erste Frau in der Geschichte Chiles, die zur Staatspräsidentin gewählt wurde (2006–2010, 2014–2018). Nach dem Amtsantritt des 'rechten' chilenischen Präsidenten José Antonio Kast am 11. März 2026 kündigte die chilenische Regierung jedoch an, die Unterstützung für Bachelets Kandidatur zurückzuziehen. Gleichwohl bestätigten die Präsidenten Brasiliens und Mexikos, dass ihre Länder ihre Kandidatur für das Amt der nächsten UNO-Generalsekretärin weiterhin unterstützen werden.
Bachelet verfügt über große Erfahrung im UNO-System – in der Pause zwischen ihren Amtszeiten war sie Exekutivdirektorin von UN Women und zugleich stellvertretende UNO-Generalsekretärin. Nach ihrem Rückzug aus der Politik bekleidete sie vier Jahre lang (2018–2022) das Amt der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte.
Im Kontext der Ukraine-Krise ist ihr Aufruf als amtierende UN-Hochkommissarin für Menschenrechte an den Präsidenten Russlands zu erwähnen, das 'bewaffnete Angreifen der Ukraine zu stoppen'. Zugleich verschwieg sie die Verbrechen des Kiewer Regimes gegen die Zivilbevölkerung im Donbass.
Vor dem Hintergrund des 'Kampfs der Titanen' könnte als Kompromiss die Kandidatur der Ökonomin und ehemaligen Vizepräsidentin Costa Ricas (1994–1998) Rebeca Grynspan 'durchstarten', die seit 2021 Generalsekretärin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) ist. Unter ihrer Leitung ist die Organisation einflussreicher geworden, mit einem Fokus auf die Reform des Welthandelssystems sowie den erweiterten Zugang der Entwicklungsländer zu Technologien, Krediten und resilienten Lieferketten.
In der breiten Öffentlichkeit blieb Grynspan durch ihre Beteiligung an den Verhandlungen zur Umsetzung des Memorandums zwischen Russland und der UNO zur Normalisierung des Exports russischer Agrarprodukte in Erinnerung. Wie das russische Außenministerium jedoch feststellte, führten die 'erheblichen Anstrengungen der russischen ressortübergreifenden Delegation und des Teams der UNCTAD-Generalsekretärin Grynspan im Rahmen der Zusammenarbeit zum Memorandum nicht zur angestrebten Wirkung'.
In gewisser Weise erwies Präsident Rodrigo Chaves Grynspan als Kandidatin Costa Ricas einen 'Bärendienst', als er die Schließung der kubanischen Botschaft anordnete und das kubanische diplomatische Personal 'als Protest gegen die schlechten Lebensbedingungen der Bevölkerung auf Kuba' auswies. Die Frage ist, ob Grynspan als erfahrene internationale Beamtin sich in ihrer beruflichen Tätigkeit von den ambivalenten Signalen aus San José (und Washington) zu distanzieren vermag.
Außerdem befinden sich im Wahlrennen Kandidaten aus der Republik Malediven.
Virginia Gamba (ehemalige Sonderbeauftragte des UNO-Generalsekretärs für die Frage der Kinder und bewaffneten Konflikte) und der frühere Präsident Senegals (2012–2024) Macky Sall, den Burundi als amtierender Vorsitz der Afrikanischen Union nominiert hat.
Angesichts der offenkundigen Krise in der UNO ist es notwendig, dass ein außergewöhnlicher und energischer Mensch Generalsekretär wird, der bereit ist, maximale Anstrengungen zur Lösung zentraler internationaler Probleme und zur Reform der Organisation zu unternehmen. Die in der UNO-Charta verankerten Funktionen des Generalsekretärs gewähren dafür ausreichend Handlungsspielräume. Es bleibt zu hoffen, dass das neue höchste Verwaltungsoberhaupt der UNO als General und nicht als bloßer Sekretär in die Geschichte eingeht, der die Interessen einer kleinen Gruppe von Staaten bedient.