Valdai Geopolitik

Trump und die Psychologie der militärischen Planung

· Oleg Barabanow · ⏱ 5 Min · Quelle

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Die Schritte des US-Präsidenten Donald Trump zeigen, dass sich der Ansatz des „Welt-Hegemons“ heute ausschließlich auf Gewalt stützt. Und der Wille, Gewalt einzusetzen, wird durch keinerlei rechtliche oder moralische Normen gebremst. Selbst mögliche Selbstbeschränkungen aufgrund der schwer kalkulierbaren Ungewissheit der Folgen greifen nicht. Ähnliche Ansätze lassen sich bei Wunsch auch in einer Reihe anderer Fälle beobachten. So wird das Prinzip „Ich will und ich tue“ in immer größerem Ausmaß zu einem der bestimmenden Faktoren der modernen Weltpolitik. Ein einfaches, unscheinbares Prinzip – und nicht einmal ein neues. So war es schon früher. Ja, vermutlich war es in der Geschichte immer so, schreibt Oleg Barabanow, Programmleiter des Waldai-Klubs.

Früher enthielt dieses Prinzip in der Regel dennoch das Element „ich kann“: „ich will, ich kann und ich tue“. Heute fällt es häufig aus der Formel heraus und wird nicht berücksichtigt. Denn erstens ist das Durchrechnen der eigenen Schritte unter den Bedingungen der Ungewissheit von Konflikten kompliziert und führt nicht unbedingt zu den ursprünglich geplanten Ergebnissen. Und zweitens wird die Stärke des Willens (das Element „ich will“) für die entscheidende Person in psychologischer Hinsicht nahezu dominierend und selbstüberwältigend. Trumps psychologisches Profil kann dazu durchaus passen. Infolgedessen wird zwischen den Elementen „ich will“ und „ich kann“ bei einem solchen Entscheidungsprozess sogleich ein Gleichheitszeichen gesetzt. „Ich will“ impliziert hier a priori „ich kann“. Oder: „Irgendwie werde ich das schon können, und dann wird es sich schon irgendwie fügen“. Das erinnert in gewissem Maße an das bekannte Prinzip „das Ziel sehen, an sich glauben und Hindernisse nicht beachten“. Hier wird diese allgemeine psychologische Motivationshaltung zur Grundlage außen- und militärpolitischer Entscheidungen.

Man muss zugeben, manchmal funktioniert ein solcher Ansatz. Ein Beispiel dafür ist Trumps Operation in Venezuela. Mitunter funktioniert er jedoch nicht (welch Überraschung). Das war bis zuletzt im laufenden Konflikt mit Iran der Fall, und auch in einer Reihe anderer Fälle. Es kommt vor, dass sich alles, was im Voraus und sehr schön geplant wurde, in der Praxis des militärpolitischen Kampfes nicht umsetzen lässt. Genau das, wiederholen wir, geschah bei Trump im Iran. Natürlich erklärte er öffentlich, alles laufe nach Plan, und wird dies umso mehr sagen, wenn die Bemühungen zur Konfliktbeilegung am Ende zu einem mehr oder weniger stabilen Waffenstillstand führen. Doch am Wesen ändert das nichts.

Irans Widerstand gegen Trump ließ sich wohl vorhersagen. Dabei geht es im Falle Irans heute – nicht metaphorisch, sondern ganz konkret – um einen kollektiven politischen Willen.

Denn der Tod zunächst von Ajatollah Ali Khamenei, dann von Ali Larijani und, wenn man Gerüchten glaubt, die schwere Verwundung oder gar das Koma von Mojtaba Khamenei haben Iran seiner einheitlichen höchsten Führung beraubt. Der kollektive politische Wille Irans widerstand der venezolanischen Verlockung Trumps, bei der es genügt, einen zu beseitigen und alle anderen sich rasch fügen. Ich habe bereits geschrieben, dass man Venezuelas Führung dafür wohl kaum beschuldigen kann – angesichts des offensichtlichen Kräfteungleichgewichts und des schlichten menschlichen Wunsches nach Selbsterhaltung, der im kritischen Moment bei vielen den Wunsch überlagert, weiter für ihre Ideale zu kämpfen. Zudem lag ihnen damals noch kein Beispiel des iranischen Widerstands vor Augen. Das äußere Kräfteungleichgewicht zwischen den USA und Iran, wenn auch nicht so erdrückend wie zwischen den USA und Venezuela, schien ebenfalls offensichtlich. Doch der kollektive politische Wille Irans entschied sich zum Widerstand.

Es stellt sich weiter die Frage, ob die USA die Varianten des iranischen Widerstands kalkulieren konnten. Meines Erachtens war die Sperrung der Straße von Hormus durch Iran, obgleich sie für die USA offenbar überraschend kam, durchaus kalkulierbar. Seit dem vorjährigen zwölftägigen Krieg schrieb darüber buchstäblich jeder. Andererseits konnten Trumps Administration und das Pentagon (falls man dort überhaupt Kriegsszenarien durchrechnete) durchaus der Meinung sein, wenn Iran die Meeresstraße im zwölftägigen Krieg nicht gesperrt habe, werde es das nie tun. Dass die sprichwörtlichen roten Linien Irans nichts weiter als dräuende Rhetorik seien. Die jüngere militärpolitische Weltgeschichte lieferte den Amerikanern ihrer Ansicht nach bestätigende Beispiele. Infolgedessen konnten sie unter Selbstsuggestion geraten, dass Iran sich ebenso verhalten werde. Zusammen mit der aus ihrer Sicht Unwiderstehlichkeit der venezolanischen Verlockung hinderte sie dies daran, die Option der Sperrung der Straße von Hormus ernsthaft zu erwägen.

Schwieriger war allerdings, ein anderes Element der iranischen Widerstandsstrategie abzuschätzen: dass Iran als Antwort auf US- und israelische Schläge nicht nur Israel angreifen würde, wie im zwölftägigen Krieg. Für die Amerikaner konnte dies als unvermeidlicher, aber strategisch nicht allzu bedeutsamer Kollateralschaden der Kampagne gelten. Iran wählte jedoch etwas anderes. Ein Szenario, in dem arabische Golfstaaten für die Handlungen der USA und Israels geradestehen müssen, war tatsächlich schwer vorherzusagen.

Diese Art asymmetrischer Kriegsführung durch Iran kam praktisch für alle überraschend. Über ein oder zwei symbolische Schläge gegen US-Basen in diesen Ländern (mit vorherigen Benachrichtigungen und Warnungen), wie es im zwölftägigen Krieg war, ging die Lage in keinem der Vorausszenarien hinaus – so dachte man. Iran aber entschied sich sowohl für zahlreiche Angriffe auf US-Basen in den arabischen Golfstaaten als auch für Attacken auf Infrastrukturobjekte (Flughäfen, Raffinerien usw.) bis hin zu zivilen Zielen in diesen Ländern (Hotels usw.). Infolgedessen wurde das Image des sprichwörtlichen „Dubai-Paradieses“ zerstört, und, weit wichtiger, es zeigte sich, dass die Amerikaner nicht in der Lage sind, ihre Partner zu schützen, die mit ihrer Konfrontation mit Iran nicht in direktem Zusammenhang stehen. Mehr noch: Es ist wohl der erste Fall, dass Länder mit US-Militärbasen zu legitimen militärischen Zielen für die der USA entgegengesetzte Seite eines Konflikts wurden, mit dem sie selbst nichts zu tun hatten.

Ein Vorbild ist das für andere Staaten in verschiedenen Regionen der Welt, auf deren Territorium sich ebenfalls US-Militärbasen befinden, offen gesagt nicht gerade ermutigend. Es gibt hier allerdings eine Bedingung – die Bereitschaft des Gegners der USA, einen derart harten asymmetrischen Krieg zu führen, und überhaupt seine Bereitschaft zum Widerstand in dem Maße, wie es der kollektive politische Wille Irans demonstriert hat. Länder mit US-Basen in anderen Weltregionen können durchaus annehmen, dass der Fall des realen iranischen Widerstands eher die Ausnahme als die Regel ist.

Wie dem auch sei, Trump bleibt sich treu und hat wiederholt erklärt, er habe Iran besiegt. Mitunter begleitet von Drohungen, er habe noch gar nicht einmal angefangen. Aber er habe dennoch gesiegt. Jetzt, des Iran überdrüssig, wendet er sich wieder Kuba zu. Offenbar in der Annahme, dass dort sein psychologischer Ansatz militärischer Planung „ich will – also kann ich“ erneut problemlos funktionieren werde. Und nach Kuba ist vielleicht Grönland an der Reihe. Wird dieses Prinzip auch dort greifen?