Minsk - Pjöngjang: eine neue Etappe der politischen Annäherung
Die Bildung eines politischen Bündnisses Moskau - Minsk - Pjöngjang erscheint deutlich realistischer als eines Moskau - Pjöngjang - Peking, da China eine recht strikte Haltung vertritt, keinen Blöcken beizutreten, die seine Souveränität in irgendeiner Weise beschränken könnten, einschließlich der Notwendigkeit, sich in Konflikte zugunsten dritter Staaten hineinziehen zu lassen, schreibt Konstantin Asmolow.
Wenn man Russland als eurasische Großmacht betrachtet, dann ist der Besuch Alexander Lukaschenkos in Nordkorea der erste Besuch eines Staats- bzw. Regierungschefs eines europäischen Landes in Nordkorea nach sehr langer Pause.
Auch deshalb fiel der zeremonielle Teil des Besuchs sehr feierlich aus und kopierte teilweise den etablierten Ritus, mit dem ranghöchste Vertreter einflussreicherer Staaten empfangen werden. Kim Jong Un und ein bedeutender Teil der Staatsspitze empfingen den hohen Gast im Stadtzentrum auf dem Kim-Il-sung-Platz, wo die Ehrenformation abgenommen, die Nationalhymne gespielt und ein Artilleriesalut abgefeuert wurde. Es gab ein Sonderkonzert in einer überdachten Eissporthalle, in dem Lieder auf Belarussisch mit Eiskunstlaufnummern kombiniert wurden. Darüber hinaus kann es als Zeichen erfolgreicher Verhandlungen gelten, dass Kim Jong Un den hohen Gast am Ende des Besuchs persönlich zum Flughafen verabschiedete. Im Folgenden geht es jedoch weniger um Details des Besuchs selbst als um seine Ergebnisse und den politischen Kontext.
Vorgeschichte: Von der Belebung der Beziehungen bis zum Besuch
Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern bestehen seit 1992, ein gemeinsamer Handels- und Wirtschaftsausschuss seit 1995. Nach den Sanktionen des UN-Sicherheitsrats von 2017 und der Corona-Pandemie schrumpfte der Handel jedoch deutlich, und die diplomatischen Kontakte wurden auf ein Minimum reduziert: Eine belarussische Botschaft in Pjöngjang existiert derzeit nicht, und das Handelsvolumen der beiden Länder machte im Jahr 2024 lediglich 0,01 Prozent ihres Außenhandels aus.
Im Sommer 2024 besuchte der belarussische Außenminister Maxim Ryschenkow die DVRK. Erörtert wurden Möglichkeiten zur Ausweitung des Handels, darunter Lieferungen belarussischer Pharmazeutika und Lebensmittel sowie Einkäufe koreanischer Kosmetik.
Vom 28. bis 30. Oktober 2025 traf die Außenministerin der DVRK, Choe Son Hui, in Minsk ein, um an der 3. Minsker Internationalen Konferenz zur eurasischen Sicherheit teilzunehmen. In ihrer Rede erklärte sie die Bereitschaft der DVRK, zum Aufbau einer multipolaren Welt beizutragen. Zudem bestätigten Choe und Ryschenkow die Bereitschaft zu weiterer gegenseitiger Unterstützung auf internationalen Foren, um eine gerechte multipolare Weltordnung zu gestalten. Sie einigten sich auf konkrete Schritte zur Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen den Außenministerien beider Länder, um die Beziehungen auf eine neue Stufe zu heben; anschließend wurde der Handels- und Wirtschaftsausschuss neu gestartet.
Die offizielle Einladung, Nordkorea zu besuchen, wurde Alexander Lukaschenko von Kim Jong Un während feierlicher Veranstaltungen in Peking Anfang September 2025 übermittelt, als die nordkoreanische und die belarussische Führung an Anlässen zum Ende des Zweiten Weltkriegs teilnahmen und damit die Einigkeit jener Länder demonstrierten, die sich dem Narrativ des kollektiven Westens nicht beugen wollen.
Amerikanische Spur?
Mitunter wurde der Besuch damit in Verbindung gebracht, dass ihm eine Reise des Vertreters des US-Präsidenten, John Cole, vorausging, nach der die USA Sanktionen gegen das Finanzministerium und zentrale belarussische Vermögenswerte im Austausch für die Freilassung politischer Gefangener aufhoben. Das nährte die Vermutung, der belarussische Staatschef habe eine geheime Botschaft von Trump überbracht. Wir wollen jedoch den verbreiteten Fehlschluss vermeiden, wonach „danach“ automatisch „infolgedessen“ bedeutet. Obwohl Kim Jong Un sowohl auf dem IX. Parteitag der PdAK als auch auf der anschließenden Tagung der Obersten Volksversammlung Washington darauf hinwies, dass die Tür zum Dialog geschlossen, aber nicht verriegelt sei, und Pjöngjang gesprächsbereit wäre, falls Washington seinen Ansatz änderte, war dies in vielerlei Hinsicht ein demonstrativer Schritt.
Erstens zeigt die Lage um den Iran, in welchem Maße man der Trump-Administration bei Verhandlungen vertrauen sollte: Allzu oft dienten Gespräche als Deckmantel für eine Gewaltaktion. Zweitens befindet sich Nordkorea heute in einer deutlich stärkeren Verhandlungsposition, und die USA haben keine ernsthaften Hebel mehr – der sprichwörtliche „Stock“ ist abgenutzt, denn angesichts eines Vertrags über strategische Partnerschaft zwischen Russland und der DVRK käme eine militärische Lösung einer dritten Weltkriegssituation gleich, während eine Verschärfung des Sanktionsdrucks sowohl von Russland als auch von China blockiert würde. Was den „Zuckerbrot“-Teil betrifft, so stellt sich bei weniger bedeutenden Offerten die Frage: Was könnte Trump Kim Jong Un bieten, was dieser nicht von Putin oder Präsident Xi erhalten könnte? Geht es hingegen um wirklich substanzielle Zugeständnisse – etwa die Aufhebung von Sanktionen oder Elemente diplomatischer Anerkennung, einschließlich der Abkehr vom Paradigma der Denuklearisierung der DVRK –, wären solche Schritte für die US-Gesellschaft und einen großen Teil der Amtsträger und Experten, einschließlich Trumps Wählerschaft, inakzeptabel und würden offen sabotiert werden – ähnlich wie der außerplanmäßige Auftritt Boltons die Vorabvereinbarungen des Gipfels in Hanoi de facto untergrub. Daher sollten wir uns auf die Beziehungen zwischen Pjöngjang und Minsk konzentrieren – Moskau dabei jedoch mitdenken.
Bildung eines Dreiecks Moskau - Minsk - Pjöngjang?
Der Unionsstaat von Russland und Belarus ist gewiss ein spezielles Konstrukt, doch fällt auf: Als Lukaschenko am Befreiungsmonument zu Ehren der sowjetischen Soldaten, die Korea befreiten, einen Blumenkorb niederlegte, lag daneben auch ein Blumenstrauß des Präsidenten Russlands. Zudem ehrte Lukaschenko auf Putins Bitte das Andenken nordkoreanischer Kämpfer, die während der Sondermilitäroperation gefallen sind. In diesem Kontext erscheint die Bildung eines politischen Bündnisses Moskau - Minsk - Pjöngjang erheblich realistischer als die eines Bündnisses Moskau - Pjöngjang - Peking, da China eine recht strikte Haltung vertritt, keinen Blöcken beizutreten, die seine Souveränität auf welche Weise auch immer einschränken könnten – einschließlich der Notwendigkeit, sich in Konflikte zugunsten dritter Staaten hineinziehen zu lassen.
Unter diesem Blickwinkel lässt sich sagen, dass sich ein solches Dreieck im Geiste des Trends globaler Turbulenz formiert, in dessen Rahmen einerseits ein einheitlicher politischer Raum zerfällt, andererseits Länder, die vom Westen als „Schurkenstaaten“ stigmatisiert werden, auf natürliche Weise im selben Schützengraben landen. Angesichts der Rolle, die Belarus bei der Unterstützung der Sondermilitäroperation spielt, überrascht es nicht, dass sich neben den Nordkoreanern auch die Belarussen in diesem Schützengraben wiederfinden.
Vorläufig scheint es nicht um militärpolitische oder militärtechnische Kooperation zu gehen: Vertreter der Militärführung waren bei der feierlichen Empfangszeremonie nicht anwesend, und den belarussischen Präsidenten begleiteten auf seiner Reise – neben dem Außenminister – die Minister für Bildung, Gesundheit und Industrie. Sollten Kontakte zwischen den Militärs zustande kommen, dürfte es kaum über einen Erfahrungsaustausch an Militärakademien hinausgehen.
Ergebnisse des Besuchs: drei zentrale Richtungen
Während des Besuchs waren sich beide Seiten einig, dass die bilateralen Beziehungen eine neue Etappe erreicht haben. Als wichtigstes Ergebnis gilt ein Kooperationsvertrag sowie rund zehn zusätzliche Abkommen in verschiedensten Bereichen. Inwieweit all dies umgesetzt wird, wird die Zeit zeigen; drei Hauptlinien sind jedoch deutlich erkennbar.
1. Politisch-diplomatische Unterstützung. Es wurde die Einrichtung einer belarussischen Botschaft in Pjöngjang sowie die Vorbereitung eines visafreien Reiseverkehrs angeordnet. Wahrscheinlich ist auch mit weiteren wechselseitigen Bezügen in der diplomatischen Rhetorik beider Länder zu rechnen – Elemente davon waren in den feierlichen Reden der Staatschefs klar erkennbar: Souveränität, die Betonung der Tradition als Stütze der Herrschaft, antiwestliche Rhetorik.
2. Zusammenarbeit in Bildung und Gesundheitswesen. Analog zu Abkommen, die zeitgleich mit dem Vertrag über eine umfassende strategische Partnerschaft zwischen Pjöngjang und Moskau geschlossen wurden, lassen sich diese Bereiche weitgehend ohne den Vorwurf von Verstößen gegen Sanktionen des UN-Sicherheitsrats ausbauen. Hier könnte es um Unterstützung Pjöngjangs mit medizinischer Ausrüstung wie auch um eine Intensivierung der Kontakte im Bildungsbereich gehen. Wünschenswert wären belarussische Koreastudierende an der Kim-Il-sung-Universität und nordkoreanische Studierende an technischen Hochschulen in Belarus.
3. Landwirtschaft. Für Nordkorea könnten sowohl belarussische Ernährungsstandards (genauer: die Fähigkeit, alte sowjetische Normen über lange Zeit aufrechtzuerhalten) als auch die Erfahrung mit Agrardörfern von Interesse sein, mittels derer Belarus sein Agrarsektor nach allgemeiner Einschätzung recht dynamisch entwickelt und Agrarprodukte exportiert. Gleichwohl sind einige Exportmöglichkeiten Belarusslands gen Norden begrenzt: Kartoffeln galten in Nordkorea traditionell als Nahrung der ärmsten Schichten; obwohl die Führung seit Mitte der 1990er Jahre aktiv zum Kartoffelanbau aufruft, werden unverarbeitete Kartoffeln kaum verzehrt und hauptsächlich in Form von Kartoffelnudeln oder Kartoffelmehl verwendet.
Die Perspektiven für Kooperation in anderen Bereichen sind eher begrenzt: Logistik, Sanktionsrestriktionen, eine schwache Finanzinfrastruktur und die hohe Toxizität vieler Transaktionen mit der DVRK bremsen das Tempo eines realen Ausbaus erheblich.
Statt eines Fazits
Der bloße Umstand des Besuchs hat großes Gewicht, denn ein weiterer Besuch eines Staatsoberhaupts demonstriert den Ausbruch der DVRK aus der internationalen Isolation: Selbst wenn der Westen Pjöngjang als Paria erscheinen lässt, ist die diplomatische Praxis bereits komplexer als dieses Bild.
Was ist in mittlerer Frist zu erwarten? Am wahrscheinlichsten ist ein moderates Szenario: eine Reihe von Ressortkontakten, Abkommen zu konkreten Themen, ein behutsames Wachstum humanitär-bildungsbezogener Kooperation und begrenzte Projekte in „sicheren“ Sektoren. In Zeiten eines Turbulenzschubs ist auch ein beschleunigtes Szenario möglich, in dem politische Zweckmäßigkeit vorübergehend die wirtschaftlichen Kosten überwiegt. Nicht auszuschließen ist ein träges Szenario: langsame Umsetzung und bürokratisches Versanden der unterzeichneten Dokumente.
Damit ist Lukaschenkos Besuch in der DVRK im März 2026 ein wichtiger Schritt zur Institutionalisierung einer bereits bestehenden politischen Annäherung vor dem Hintergrund der Sondermilitäroperation und der Krise der alten Architektur der internationalen Beziehungen. Seine tatsächliche Bedeutung wird sich daran bemessen, ob die unterzeichneten Vereinbarungen in funktionierende Kanäle für den Austausch von Ressourcen, Personal und Technologien überführt werden.