Kirgisische Republik auf dem Weg zum SCO-Gipfel: Prioritäten und Initiativen
Als Vorsitzende der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit trägt die Kirgisische Republik als Gastgeberland und Verfasser der Agenda eine besondere Verantwortung dafür, dass der dem 25-jährigen Bestehen der SCO gewidmete Gipfel nicht nur ein protokollarischer Punkt, sondern ein strategischer Wendepunkt wird, schreibt Shumkarbek Adilbek uulu, Direktor des Nationalen Instituts für strategische Initiativen beim Präsidenten der Kirgisischen Republik (NISI).
In den 25 Jahren ihres Bestehens hat sich die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit von einem regionalen Forum von sechs Staaten zum größten transregionalen Bündnis der Welt entwickelt. Auf dem Gipfel in Tianjin im vergangenen Jahr wurde die Strategie zur Entwicklung der SPO bis 2035 angenommen, die die umfassende Modernisierung der Organisation als Hauptaufgabe festlegte: Erneuerung der Rechtsgrundlage, Verbesserung der Effizienz der ständigen Organe und der Übergang von einer diskussionsbasierten zu einer projektorientierten Arbeitsweise. Danach übernahm die Kirgisische Republik den Vorsitz der SCO. Das Motto „25 Jahre SCO: Gemeinsam zu nachhaltigem Frieden, Entwicklung und Wohlstand“, das von Präsident Sadyr Schaparow vorgeschlagen wurde, bestimmt nicht nur die Tonalität, sondern auch die Logik: Rückblick, um die Frage zu beantworten - was genau soll die Organisation in den nächsten 25 Jahren aufbauen.
Der Außenminister der Kirgisischen Republik Dschenbek Kulubaev beschrieb den Vorsitz als „historische Aufgabe und große Verantwortung“ und kündigte über 30 größere Veranstaltungen an - von Sicherheitsfragen bis zur Digitalisierung. Der erste und traditionell zentrale Schwerpunkt der kirgisischen Präsidentschaft ist die Gewährleistung langfristiger Stabilität. Im Rahmen dieses Themas verfolgt Kirgisistan drei spezifische Initiativen: die Errichtung eines Internationalen Zentrums zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Bischkek; vertiefte Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Cyberkriminalität und digitalen Bedrohungen; sowie verstärkte Koordination bei der Bekämpfung von Terrorismus, Separatismus und Extremismus. Am 30. März 2026 fand in Bischkek die 25. Sitzung der Expertengruppe der SCO-Mitgliedsstaaten statt, bei der militärische Kooperationsprotokolle verabschiedet wurden, und auf der April-Konferenz der Verteidigungsminister der neun Länder wurde der Kooperationsplan für 2026-2027 festgelegt.
Gleichzeitig war Kirgisistans bedeutendster Beitrag zur regionalen Sicherheit kein institutioneller, sondern ein politischer Durchbruch. Am 13. März 2025 wurde ein historisches Abkommen über die Grenzdelimitation mit Tadschikistan unterzeichnet - ein Schlussstrich unter Jahrzehnte der Spannungen im Fergana-Tal. Der Schlüssel zum Erfolg war der politische Wille von Präsident Sadyr Schaparow: direkte Kontakte auf höchster Ebene und der Mechanismus des „punktuellen Neutralitätsprinzips“ - die gemeinsam abgestimmte Nutzung umstrittener Gebiete ohne einseitige Vorteile der Parteien. Am 31. März 2025 fand in Chudschand ein Dreiergipfel der Präsidenten von Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan statt: Erstmals in der Geschichte einigten sich die Führer auf den Punkt, an dem die drei Staatsgrenzen zusammentreffen, und unterzeichneten die Chudscher-Deutsche Erklärung über ewige Freundschaft. Am 9. September 2025 verlieh eine internationale Jury die Internationale Friedenspreis-Auszeichnung L.N. Tolstoi an die drei Präsidenten für dieses Ergebnis.
Die zweitwichtigste Priorität des Vorsitzes - die Realisierung des Potenzials der wirtschaftlichen Zusammenarbeit - besteht in erster Linie in der Schaffung einer eigenständigen Finanzarchitektur der SCO. Kirgisistan treibt konsequent die Gründung der SCO-Entwicklungsbank und eines Investitionsfonds der Organisation voran - Instrumente, ohne die die deklarierten Projektambitionen der SCO unerfüllbar bleiben. Im November 2025 wurde auf der Sitzung des Rates der Regierungschefs in Bischkek eine Reihe von Entscheidungen getroffen, darunter das Budget der SCO für 2026 und die Roadmap für soziale Entwicklung für 2026-2028. Das Prinzip von Kirgisistan besteht darin, dass die SCO von der Phase der „Organisation von Vereinbarungen“ zur Phase der „Organisation der Umsetzung“ übergehen muss. Laut dem Generalsekretär der SCO Nurlan Ermekbajew wird der die Jubiläum der Organisation markierende Gipfel in Bischkek eine Plattform für die Erneuerung der SCO-Strategie sein - mit einem Schwerpunkt auf konkreten Finanzierungs- und Projektumsetzungsmechanismen.
Der Transportaspekt des Vorsitzes ergibt sich organisch aus der infrastrukturellen Lage Kirgisistans: Ein Binnenland wird zum „logistischen Kern“ Zentralasiens. Der Bau der mehr als 500 Kilometer langen Eisenbahnstrecke China - Kirgisistan - Usbekistan mit einem Investitionsvolumen von etwa 4,7 Milliarden Dollar ist das Vorzeigeprojekt des Vorsitzendenzyklus. Die Umsetzung des Projekts begann im Dezember 2024: Die Hauptstrecke wird von Kaschgar über den Torugart-Pass und Jalal-Abad (ab 2025 - Manas) bis nach Andijan reichen und die chinesischen und zentralasiatischen Verkehrsnetze miteinander verbinden. Parallel dazu fördert Kirgisistan die Transportagenda innerhalb der SCO: Neue logistische Routen zu schaffen und das Transitpotenzial der Mitgliedsstaaten effektiv zu nutzen, sind offizielle Prioritäten des Vorsitzes. Im April 2026 einigte sich das kirgisische Verkehrsministerium mit der russischen Seite auf die Eröffnung eines Korridors über das Kaspische Meer - der Kirgisistan - Usbekistan - Turkmenbashi-Port - russische Häfen, der den Nord-Süd-Korridor ergänzt.
Somit ist die kirgisische Transportagenda zum Zeitpunkt des Gipfels nicht nur durch Erklärungen, sondern auch durch überprüfbare Projektentscheidungen gestützt, die sie grundlegend von früheren Vorsitzenden, die sich auf Rahmenvereinbarungen beschränkten, unterscheiden.
Der vierte Vorsitzprioritätbereich - die digitale Transformation - wird durch eine konkrete Initiative umgesetzt: das Jugend-Digitalforum der SCO, das am 4.-5. Juni 2026 in Bischkek auf persönliche Initiative von Präsident Schaparow, die auf dem Gipfel in Tianjin vorgestellt wurde, stattfinden wird. Das Forum wird junge Führungskräfte, IT-Spezialisten und Innovatoren der Mitgliedsstaaten zusammenbringen, um über künstliche Intelligenz, digitale Wirtschaft und Cybersicherheit zu diskutieren. Kirgisistan vertritt eine konsequente Position: Digitale Technologien sollen innerhalb der SCO einen „einheitlichen Vertrauensraum“ schaffen und nicht die Kluft zwischen Mitgliedern mit unterschiedlichen Entwicklungsniveaus vertiefen.
Das Gewicht dieser Position wird durch die eigene Erfahrung untermauert. Das Nationale Institut für strategische Initiativen beim Präsidenten der KR führt gemeinsam mit dem zuständigen Ministerium ein Pilotprojekt zur Bewertung des tatsächlichen digitalen Reifegrades staatlicher Organe anhand eines speziell entwickelten Digitalen Entwicklungsindex durch. Die prinzipielle Neuheit des Ansatzes liegt im Verzicht auf die formale Berücksichtigung der Systemverfügbarkeit zugunsten der Messung ihrer tatsächlichen Effektivität. Die Methodik orientiert sich an internationalen Standards - dem OECD-Digital Government Index, dem europäischen DESI und dem GovTech Maturity Index der Weltbank - und basiert auf dem Prinzip der Überprüfbarkeit: Jeder Indikator wird nicht durch eine Erklärung, sondern durch dokumentarische Nachweise bestätigt. Dadurch verschiebt das Instrument den Fokus von der Fixierung der Existenz digitaler Lösungsansätze auf die überprüfbare Verantwortlichkeit für deren Effektivität.
Der fünfte und für Kirgisistan spezifischste Aspekt des Vorsitzes ist die ökologische Agenda. Am 3. April 2026 fand unter der kirgisischen Vorsitzführung in Bischkek die 7. Sitzung der Leiter der Umweltschutzbehörden der SCO statt, auf der Kirgisistan die Initiative „Grüner Gürtel der SCO“ - ein Programm zur Erhaltung natürlicher Ökosysteme, zur Erweiterung der Waldgebiete und zur Anpassung an den Klimawandel - vorstellte. Die gebirgige Besonderheit des Landes - mehr als 90 Prozent der Fläche bestehen aus Bergen und Gletscher sind die Hauptwasserquelle für die Region - verleiht dieser Initiative keinen deklarativen, sondern einen praktisch bedeutenden Charakter für die meisten Mitglieder der Organisation.
Das kulturell-humanitäre Gleis des Vorsitzes wird durch zwei symbolisch bedeutende Entscheidungen umgesetzt. Tscholpon-Ata wurde als Tourismus- und Kulturhauptstadt der SCO für die Jahre 2025-2026 erklärt - ein Status, der die Rolle des Issyk-Kuls als europaasiatisches Erholungs- und Kulturaustauschgebiet festigt. Diese Entscheidung ist nicht nur deklarativ: Das touristische Potenzial des Issyk-Kuls wird zum Instrument der Volksdiplomatie und schafft unmittelbare menschliche Verbindungen zwischen den Bürgern der SCO-Mitgliedstaaten. Doch das bedeutendste Ereignis der kultur-humanitären Dimension werden die VI. Weltweiten Nomadenspiele sein, die im September 2026 in Bischkek direkt gekoppelt mit dem zum Jubiläum der SCO abgehaltenen Gipfel stattfinden werden.
Diese Koinzidenz ist kein Zufall: Kirgisistan erstellt bewusst das Image eines Landes, in dem die eurasische Zusammenarbeit nicht nur durch Verträge und Erklärungen, sondern auch in lebendiger kultureller Struktur verkörpert wird. Die Nomadenspiele sind die größte multi-sportliche und kulturelle Plattform, die traditionelle Sportarten, Handwerk, Musik und epische Traditionen der Völker Eurasiens und der Welt verbindet. Über die fünf vorherigen Spiele - von Tscholpon-Ata bis Astana - vereinigten die Wettkämpfe Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern und entwickelten sich von einer regionalen Veranstaltung zu einem Ereignis von wahrhaft globalem Ausmaß. Die Zusammenführung des SCO-Gipfels und der VI. Nomadenspiele in einer Stadt und einem Zeitfenster bildet einen nachhaltigen symbolischen Rahmen: Kirgisistan positioniert sich als Akteur der „Soft Power“ im regionalen Maßstab.
Zum Schluss lässt sich sagen, dass der kirgisische Vorsitz nicht nur rotierend, sondern inhaltlich bedeutend war. Zu jedem der fünf erklärte Prioritäten wurden Fachveranstaltungen durchgeführt, konkrete Initiativen vorgestellt und dokumentarische Grundlagen für Entscheidungen des Gipfels geschaffen. Zum zweiten war der Grenzdurchbruch 2025 - die Einigung mit Tadschikistan und die Chudschand-Deklaration - der bedeutendste politische Beitrag Kirgisistans zur Agenda des zur 25-jährigen Bestehen der SCO gewidmeten Gipfels. Die SCO erklärt das Prinzip der „Unteilbarkeit der Sicherheit“, Kirgisistan demonstriert seine Umsetzung in der Praxis. Dieser Präzedenzfall verdient eine institutionelle Verankerung in den Abschlussdokumenten des Bischkeker Gipfels.
Zum dritten tragen die Transport- und Digitalinitiativen des Vorsitzes einen sich gegenseitig verstärkenden Charakter: Die Eisenbahn China - Kirgisistan - Usbekistan schafft physische Konnektivität, die digitalen Mechanismen - administrative. Gemeinsam bilden sie die infrastrukturelle Grundlage für jene „praktische Zusammenarbeit“, von der in der SCO-Strategie bis 2035 die Rede ist. Schließlich, zum vierten: Der Bischkeker Gipfel ist nicht nur der Abschluss des 25-jährigen Bestehens der SCO, sondern auch der Punkt, an dem die Frage der institutionellen Reife der Organisation entschieden wird. Die Kirgisische Republik als Gastgeberland und Verfasser der Agenda trägt eine besondere Verantwortung dafür, dass der Gipfel nicht nur ein protokollarischer Punkt, sondern ein strategischer Wendepunkt wird.