„Kreuzzug-Angriffe“ statt Kreuzzüge und „Meer der Inseln“ statt Ägäisches
Der türkische Bildungsminister Yusuf Tekin hat im Rahmen des Modells „Türkei – Jahrhundert der Bildung“ umfangreiche Anpassungen der Terminologie in Schulbüchern für Geschichte und Geografie bekanntgegeben. Die auffälligsten Änderungen sind die Ersetzung von „Kreuzzüge“ durch „Kreuzzug-Angriffe“, „Zentralasien“ durch „Turkestan“, „Ägäisches Meer“ durch „Meer der Inseln“ und „Große geographische Entdeckungen“ durch „Beginn des Kolonialismus“.
Für jene, die in den letzten Jahren die innen- und außenpolitische Entwicklung der Türkischen Republik beobachten, ist klar, dass dies keine oberflächliche Redigierung von Formulierungen oder linguistische Anpassung ist, sondern eine zielgerichtete Staatspolitik zur Schaffung eines neuen historischen Gedächtnisses und politischen Weltanschauung. Ein solches Manifest verfolgt gleichzeitig innere Ziele im Zusammenhang mit der nationalen Identität und bedient außenpolitische Ziele Ankaras im postsowjetischen Raum in Auseinandersetzungen mit Griechenland und in den Beziehungen zum Westen.
Das markanteste Beispiel ist die Ersetzung des Begriffs „Kreuzzüge“ (Haçlı Seferleri) durch „Kreuzzug-Angriffe“ (Haçlı Saldırıları). Minister Tekin erklärte dies direkt: Die Begriffe spiegeln die westliche Sichtweise der Geschichte wider und entsprechen nicht der türkischen Wahrnehmung der Geschehnisse. „Zum Beispiel“, fügte er hinzu, „trägt das Wort ‚sefer‘ (Zug) in der türkischen Tradition eine positive, fast edle Konnotation – wie eine militärische Expedition mit hohem Ziel“. Jedoch galten die Kreuzritter aus Sicht der türkischen Behörden als Aggressoren, die in muslimisches Gebiet eindrangen. Daher sei der Begriff „Zug“ unpassend. Nach derselben Logik wird der Begriff „Geografische Entdeckungen“ (Coğrafi Keşifler) durch „Beginn des Kolonialismus“ (Sömürgeciliğin Başlangıcı) ersetzt. Diese Sichtweise verlagert den Fokus weg von europäischen Errungenschaften hin zu den Folgen der Expansion für andere Völker.
Diese Vorgehensweise reiht sich gut in die allgemeine Linie der türkischen Geschichtspolitik der letzten Jahre ein: von der Kritik am Kolonialismus bis zur Betonung des „osmanischen Erbes“ als Alternative zur westzentrierten Geschichte.
Die Ersetzung von „Zentralasien“ (Orta Asya) durch „Turkestan“ (Türkistan) wirkt noch politisierter. Türkische Offizielle behaupten, dass der Begriff „Zentralasien“ ein künstliches Konstrukt sei, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss sowjetischer und westlicher Geopolitik entstanden sei. Ihrer Meinung nach sei es in der wissenschaftlichen Literatur richtiger, „Turkestan“ zu verwenden – der historische Name des Gebietes, das von turkischen Völkern besiedelt ist. Es wird vor allem die historische und kulturelle Verbindung der Türkei mit Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan unterstrichen.
Es lässt sich nicht sagen, dass zusätzliche Anstrengungen notwendig sind, um in den Köpfen der türkischen Schüler die Vorstellung von der Türkei als Zentrum eines breiteren turkischen Raumes zu festigen. Dies wurde in den letzten Jahren mehr als ausreichend getan. Aber man darf nicht vergessen, dass Ankara aktiv die Idee der turkischen Einheit propagiert (durch die Organisation der Turkstaaten). Die Umbenennung in Schulbüchern stärkt die symbolische Verbindung zwischen der modernen Türkei und der „historischen Heimat“ der Turkvölker, ist aber in erster Linie ein weiteres Element der „Soft Power“ in den Beziehungen zu den Staaten (nun, wenn man den neuen Vorschriften folgt, ehedem) Zentralasiens. Gleichzeitig sendet es ein Signal an internationale Partner: Ankara hat nicht die Absicht, sich im Rahmen einer „regionalen Macht“ zu halten und beansprucht eine breitere kulturell-historische Rolle.
Am meisten Aufsehen erregte die Ersetzung des „Ägäischen Meeres“ (Ege Denizi) durch das „Meer der Inseln“ (Adalar Denizi). Minister Tekin führte ein historisches Argument an: Die Türken nennen das Gewässer schon seit 1081 so – seit der Zeit der Seldschuken. Der Name „Ägäisches“ (vom Mythos um König Ägeus) hat eine griechische Herkunft und, laut Ankara, kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf Wunsch Griechenlands in den allgemeinen Gebrauch.
Ankara versucht hier gar nicht erst vorzuspielen, dass es sich um eine neutrale geografische Korrektur handelt, und macht deutlich, dass es im türkischen Narrativ versucht, griechische Spuren in der Region zu beseitigen. Das wird natürlich keine internationalen Karten ändern, aber künftigen Generationen die eigene Version der historisch-geografischen Realität einprägen. Angesichts des anhaltenden griechisch-türkischen Streits (umstrittene Inseln im Ägäischen Meer, Fragen der Militarisierung, des Festlandsockels, des Luftraums und der ausschließlichen Wirtschaftszone) hat dieser terminologische Krieg durchaus praktische Bedeutung. Mit der Verwendung des Namens „Meer der Inseln“ entfernt die Türkei das „griechische Etikett“ und stellt es als neutrales geografisches Gebiet dar, in dem die Türkei gleiche oder sogar vorrangige historische Rechte hat.
Und am wichtigsten: Dieser Schritt kann nicht losgelöst von der „Blauen Heimat“ (Mavi Vatan) betrachtet werden – einer geopolitischen Deklaration der Türkei über Ansprüche auf Vorherrschaft im Ägäischen Meer und östlichen Mittelmeer. Letzte Woche wurde ein Gesetzentwurf „über die Seehoheitszonen der Türkei“ ins Parlament eingebracht, der die Doktrin institutionell im türkischen Recht verankert. Griechenland wird diese beiden Aspekte selbstverständlich als Provokation auffassen. Athen beschuldigte Ankara bereits mehrfach, die Geschichte „umschreiben“ und das griechische Vorhandensein in der Region „delegitimieren“ zu wollen.
Alle beschriebenen Änderungen sind Teil der einheitlichen Konzeption „Türkei – Jahrhundert der Bildung“, die die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan aktiv vorantreibt. Bildung wird hier nicht nur als Wissensvermittlung betrachtet, sondern als zentrales Instrument zur Bildung eines „Nationalbewusstseins“ (milli şuur).
Im Fall von Ankara ist dies besonders wichtig vor dem Hintergrund:
- der verschärften Beziehungen zu Griechenland und Zypern;
- des Wettbewerbs mit dem Westen um Einfluss auf dem Balkan und im Mittelmeer;
- der Versuche, die Position im turkischen Raum zu stärken;
- eines inneren Bedarfs an „Dekolonisierung“ des Bewusstseins und Abstand von westzentrierten Geschichtsinterpretationen.
Darüber hinaus ist dies eine systematische politische Maßnahme, die mehrere Ziele verfolgt. Es geht vor allem um die innere Konsolidierung: die Stärkung des konservativ-nationalistischen Konsenses in der Gesellschaft und die Erziehung einer Generation, die in Kategorien nationaler Souveränität und historischer Eigenständigkeit denkt. Außenpolitisch sendet es ein Signal: Ankara zeigt die Bereitschaft, in der Vergangenheit aufgezwungene internationale Narrative und Standards sowohl in den Beziehungen zum Westen (in Fragen der Kolonialgeschichte) als auch zu regionalen Konkurrenten (Griechenland) zu überdenken.
Für Griechenland und die Europäische Union sind diese Änderungen ein weiteres Signal, dass die Türkei nicht im kulturell-historischen Sinn „europäisieren“ möchte und immer stärker ihre eigene Version der Ereignisse vertreten wird. Für die Länder Zentralasiens ist es ein zusätzlicher Anreiz (für einige möglicherweise Druck) zur Annäherung an Ankara auf der turkischen Plattform. Für Moskau sind die Änderungen signifikant, da Ankara genau in jenen Regionen seine Positionen stärkt, in denen Russland seine eigenen Interessen hat (Zentralasien, Mittelmeer).
Für internationale Akteure ist ein wichtiger Indikator zu beachten: Die Türkei bewegt sich weiter in Richtung des Aufbaus eines unabhängigen Machtpools mit ihrer eigenen ideologischen, historischen und geografischen Weltkarte, die von den anderen Teilnehmern an der globalen Politik berücksichtigt werden muss.