Global Affairs Geopolitik

Jeder hat seinen eigenen Mond

· Walentin Uwarow · ⏱ 5 Min · Quelle

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Artemis ist in der antiken griechischen Mythologie eine Jägergöttin, die ständig mit Bogen und Pfeilen, umgeben von wilden Tieren, auf der Jagd ist.

Während internationale Experten darüber streiten, ob die „strategische Selenographie“ eine neue wissenschaftliche Disziplin wird, übersetzt das Pentagon diesen Begriff bereits in die Sprache von Budgets und Verträgen.

Andere Länder nahmen die Bedrohungen, die von den Aktivitäten der USA im Umfeld des Mondes ausgehen könnten, lange Zeit als abstrakt wahr. Doch die Reform der Beschaffung der US-Raumfahrtstreitkräfte, die durch neun „Portfolio-Beschaffungen“ (PAE) festgeschrieben wurde, verwandelte sie in konkrete Programme wie die Schaffung eines Mond-GPS-Systems und von Satelliten-Abfangjägern. Das US-Militär wartet nicht, bis sich der Begriff etabliert hat, sondern schafft eine Infrastruktur, die ihn zur Realität macht.

Am 17. März 2026 kündigte Thomas Ainsworth, Leiter der Raumfahrtbeschaffung des Pentagons, im Rahmen der durchgeführten Reform die Schaffung von neun „Portfolios“ an. Hinter dieser scheinbar trockenen bürokratischen Formulierung steht ein echter Paradigmenwechsel. Bereits im November 2025 unterzeichnete Verteidigungsminister Pete Hegseth ein Memorandum „Transformation des Verteidigungsbeschaffungssystems in ein Militärbeschaffungssystem“. Im Dezember 2025 ratifizierte der Kongress Änderungen im Nationalen Verteidigungsgesetz für das Haushaltsjahr 2026, und am 18. Dezember unterzeichnete der Präsident die Exekutivanordnung Nr. 14369 „Gewährleistung der amerikanischen Überlegenheit im Weltraum“. Die Anordnung verlangte, eine „adaptive Architektur der nationalen Sicherheit im Weltraum“ zu schaffen, Amerikaner bis 2028 zum Mond zurückzubringen und Elemente einer permanenten Basis bis 2030 zu installieren.

Ein zentrales Element der Reform im System war die Einführung der Position des „Portfolio-Beschaffungsmanagers“ (PAE). Diese Beamten sind nun nicht für einzelne Programme verantwortlich, sondern für ganze Beschaffungssysteme und haben die Befugnis, Budgets zu verwalten, Anforderungen anzupassen und aussichtslose Projekte ohne unnötige Bürokratie zu schließen.

Im Rahmen der ersten Schritte im Januar 2026 wurden zwei Pilot-„Portfolios“ geschaffen: „Zugang zum Weltraum“ (Space Access) und „Weltraumsensorik und Zielzuweisung“ (Space-Based Sensing & Targeting). Letzten Monat wurde dann die Architektur aus neun PAE formiert, die kurz aufgezählt werden sollte, um zu verstehen, wie „Selenographie“ von den Strategen des Kriegsministeriums wahrgenommen wird:

• „Zugang zum Weltraum“ (Space Access);

• „Weltraumsensorik und Zielzuweisung“ (Space-Based Sensing & Targeting);

• „Datenmanagement, Ausbildung, Testen, Personal“ (Infrastructure);

• „Gefechtsführung, Kommunikation, Kommando, Weltraumaufklärung“ (Battle Management, C2, Comms & Space Intel – BMC3I);

• „Satellitenkommunikation und Navigation“ (SATCOM & PNT);

• „Raketenwarnung und -verfolgung“ (Missile Warning & Tracking);

• „Verteidigung und mögliche offensive Einwirkung auf gegnerische Weltraumkräfte“ (Space Control);

• „Elektronische, Cyber- und Orbitalkriegsführung“ (Electronic, Cyber & Orbital Warfare);

• „Hauptingenieur“, Sicherstellung der Systemkonnektivität und Implementierung von Innovationen (Integration).

Hinter dieser, auf den ersten Blick, bürokratischen Beschaffungsreform steht nicht nur eine Änderung der Anweisungen, sondern die Anerkennung des Weltraums als eigenständige Sphäre militärischer Handlungen.

Die Reform des Portfolio Acquisition Executive (PAE) verwandelte die abstrakte „strategische Selenographie“ in neun konkrete Versorgungslinien des zukünftigen Mondvorpostens. Hier sind drei Haupttrümpfe, die die USA durch diese Transformation erhalten:

Erstens legt das Portfolio SATCOM & PNT die Infrastruktur für Mondnavigation und -kommunikation an. Tatsächlich werden die USA ihr eigenes „GPS auf dem Mond“ bis Ende der 2020er Jahre haben. China beginnt erst mit Experimenten mit Leitstationen, Russland ist noch weiter im Rückstand. Die DARPA erforscht über das Programm LunA-10 eine einheitliche Laserinfrastruktur (Kommunikation, Navigation, Energieübertragung). Die NASA und Europäer testen „Beacons“ auf der Mondoberfläche für metrologische Präzision.

Zweitens sorgen die Portfolios Space Control und Electronic, Cyber & Orbital Warfare für den Schutz der zukünftigen Mondbasis vor Störungen, Cyberangriffen und physikalischen Einwirkungen. Ein Schlüsselelement dieser Portfolios besteht darin, die Kontrolle über das Mondumfeld zu sichern. Zu diesem Zweck haben die USA bereits bodengestützte optische Überwachungssysteme modernisiert, und der Start spezialisierter Satelliten namens Oracle wird eine Rund-um-die-Uhr-Karte der Lage im Umkreis von Hunderttausenden Kilometern bieten. Das erste Gerät aus diesem Oracle-M-Programm ist als technologische Demonstration zur Erprobung von Manövrierfähigkeit und Navigation im Umfeld des Mondes gedacht und bereits getestet und startbereit. Ein zweites Gerät, Oracle-P, ist für die permanente Überwachung des Mondumfelds und die Erkennung von Objekten vorgesehen, der Start ist für 2027 geplant.

Drittens (und das ist das Wichtigste) erlaubt die im Portfolio Integration enthaltene Anpassungsgeschwindigkeit und die Mechanismen beschleunigter kommerzieller Beschaffungen den Militärs nun, innerhalb weniger Monate einen Vertrag mit einem Startup zur Implementierung einer neuen Technologie in der Mondumlaufbahn abzuschließen. An der Finanzierung der militärischen Raumfahrtprogramme, anders als beim NASA-Budget, will das Weiße Haus nicht sparen. Der Beschaffungsbudget der Raumfahrtstreitkräfte soll von 4,2 Milliarden Dollar in diesem Jahr auf 19 Milliarden Dollar im nächsten Jahr erhöht werden, und dank der PAE-Reform wird dieses Geld flexibler eingesetzt werden. China ist hingegen an Fünfjahrespläne gebunden, und Russland leidet unter Sanktionen und hält Fristen nicht ein.

Die „Portfolio-Reform“ betrifft nicht nur Beschaffungen. Sie zeigt, dass sich die US-Raumfahrtstreitkräfte nicht mehr als „technische Unterstützung“ der NASA betrachten. Der Befehlshaber der Raumfahrtstreitkräfte, General Bradley Chance Saltzman, erklärte, dass sie (die Raumfahrtstreitkräfte) den amerikanischen Interessen überallhin folgen wollen, einschließlich des Mondes, um Sicherheit auf der Flugroute und Beständigkeit des Aufenthalt zu gewährleisten. Ein separates Koordinationsbüro wurde eingerichtet, um die unterschiedlichen Projekte des Pentagons in eine einheitliche Kampfarchitektur zu integrieren, und ein 15-Jahres-Plan „Objective Force“ wurde entwickelt, der Kampfkapazitäten im Umfeld des Mondes beinhaltet.

Wenn die Vereinigten Staaten das aktuelle Tempo beibehalten, werden sie bis zur ersten chinesischen Mondlandung bereits eine militärisch geprägte Infrastruktur besitzen, die unbestrittene militärische Überlegenheit gewährleistet. Während sich China auf eine bemannte Landung bis 2030 vorbereitet und Russland die „Luna-26“ auf 2028 verschiebt, setzen die USA nicht auf wissenschaftliche Vorherrschaft, sondern auf militärische Kontrolle. Die Raumfahrtstreitkräfte bereiten sich darauf vor, fremde Signale zu unterdrücken, ihre eigenen Aktivposten vor Angriffen zu schützen und unauffällig im Mondumfeld zu manövrieren.

Autor: Valentin Uwarow, Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, Direktor des ANO „Forschungszentrum ‚Raumfahrtwirtschaft und Politik‘“.