Chinas Weltraumwirtschaft: „Geduldiges Kapital“, multipliziert mit einem Aktionsplan
Als im April 2026 die Friedrich-Ebert-Stiftung den Bericht „China als Weltraummacht: Möglichkeiten, Ambitionen und Implikationen für Europa“ veröffentlichte, wurde festgehalten, was viele nicht wahrhaben wollten: China ist nicht mehr der Nachzügler, sondern einer der Architekten der zukünftigen Weltraumordnung.
Die Autorin, Lea Thom, hob vier Aktivitätsvektoren hervor: wissenschaftliche Erkundung, Infrastruktur, Kommerzialisierung und Diplomatie. Ich möchte mich vor allem auf den dritten Punkt konzentrieren, die Kommerzialisierung, die sich so rasant entwickelt, dass sie einer gesonderten Diskussion würdig ist.
Es lohnt sich, auf den im November 2025 angekündigten „Aktionsplan zur Förderung einer qualitativ hochwertigen und sicheren Entwicklung des kommerziellen Weltraums (2025–2027)“ hinzuweisen. Dieses Dokument ist nicht einfach ein weiteres Programm, sondern ein Manifest eines einzigartigen Modells, das Peking sowohl dem amerikanischen freien Markt als auch dem sowjetischen Monopol entgegensetzt.
Der Beginn des chinesischen kommerziellen Weltraums wird auf das Jahr 2014 datiert, als das „Dokument Nr. 60“ privatem Kapital die Teilnahme am Aufbau der zivilen Weltrauminfrastruktur erlaubte. Damals gab es nur wenige private Unternehmen. Dann erschien das „Weißbuch zum Weltraum“ 2016 und die Zahl der privaten Weltraumunternehmen in China stieg auf Hunderte. Der „Aktionsplan 2025“ markierte den Übergang zur Phase der industriellen Reife. In ihm wird der kommerzielle Weltraum als „neue Produktivkraft“ und integraler Bestandteil der nationalen Strategie erklärt.
Das Erste, was den chinesischen Ansatz auszeichnet, ist die institutionelle Revolution von oben. Der Plan fordert ausdrücklich die Beschleunigung der Einführung eines Weltraumaktivitätsgesetzes, das Rechte, Pflichten, Versicherung, Lizenzierung und Haftung für Schäden regelt. Ohne dieses Gesetz bleibt der Markt unorganisiert. Im Anschluss daran schuf die China National Space Administration (CNSA) eine spezialisierte Abteilung für kommerziellen Weltraum - ein „One-Stop-Shop“ zur Regulierung von über sechshundert Unternehmen. Dies ist die direkte Verkörperung des im Plan festgelegten Prinzips „effektiven Markt mit aktiver staatlicher Rolle zu vereinen“.
Das zweite einzigartige Element des chinesischen Ansatzes ist die geplante Öffnung der staatlichen Infrastruktur für den privaten Sektor. Privaten Unternehmen wird ein wettbewerbsfähiger Zugang zu nationalen Forschungsprojekten und grundlegenden wissenschaftlichen Themen versprochen. Ein Start-up kann mit staatlichen Mitteln ein neues Antriebssystem entwickeln. Ihnen werden zivile Überwachungsstationen, Empfangsstationen, Kalibrierungsfelder und sogar riesige Teststände für Raketentriebwerke zugänglich gemacht. Die CNSA wird kommerziellen Satelliten Daten über Weltraummüll zur Kollisionsvermeidung zur Verfügung stellen. Darüber hinaus verpflichtet der Plan zur Schaffung eines Mechanismus zum Transfer von Technologien, die mit Staatsmitteln entwickelt wurden, in private Hände, um lokale Innovationszentren zu stimulieren.
Das auffälligste und speziellste Werkzeug Chinas ist das Konzept des „geduldigen Kapitals“ (耐心资本). Seine Einführung wurde am 30. April 2024 auf einer Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas bekannt gegeben. Es handelt sich nicht um eine Metapher, sondern um einen realen finanziellen Mechanismus. Die KPCh definierte „geduldiges Kapital“ als eine Form von Kapital, das auf langfristige Investitionen ausgerichtet ist, deren Ziel nicht kurzfristige Gewinne, sondern langfristige Renditen sind. Man geht davon aus, dass solches Kapital im Allgemeinen unempfindlich gegenüber kurzfristigen Marktschwankungen ist und eine hohe Risikotoleranz aufweist.
Im Dezember 2025 startete Peking einen nationalen Risikokapitalfonds mit einem Volumen von hundert Milliarden Yuan (etwa 14,3 Milliarden Dollar) und drei großen regionalen Fonds, die jeweils beabsichtigen, das Kapital auf bis zu 50 Milliarden Yuan zu erhöhen. Die Laufzeit der Fonds beträgt zwanzig Jahre (zehn Jahre Investitionen und zehn Jahre für den Ausstieg). Ein typischer amerikanischer Risikokapitalfonds besteht sieben bis zehn Jahre. Zwei Jahrzehnte - der Zeithorizont eines Kernkraftwerks oder einer Hochgeschwindigkeitsstrecke. Der chinesische Staat ist bereit, Jahrzehnte auf Rückflüsse aus Weltrauminvestitionen zu warten, ohne den Druck der „schnellen Gewinne“. Die Fonds sind verpflichtet, mindestens 70 Prozent der Mittel in Seed- und Frühphasen zu investieren, und die Zielunternehmen dürfen einen Wert von 500 Millionen Yuan nicht überschreiten. Der Weltraum ist parallel zu Halbleitern und Biomedizin in die Liste der prioritären Bereiche aufgenommen. Zusätzlich schafft die Weltraumagentur einen speziellen nationalen Entwicklungsfonds für den kommerziellen Weltraum und erweitert die staatlichen Aufträge. Private Raketen und Satelliten erhalten Zugriff auf nationale Missionen, und der Staat wird zum Hauptauftraggeber, garantiert die Nachfrage und schützt Start-ups vor Marktturbulenzen.
Die Ergebnisse sind bereits sichtbar. 2025 führte China 92 Orbitalstarts durch, davon waren 54 Prozent kommerziell. Dadurch erreichten 311 kommerzielle Satelliten die Umlaufbahn (84 Prozent aller im Jahr gestarteten). Es hat sich eine Kohorte aus 12 Einhorn-Unternehmen gebildet, fünf davon mit Sitz in Peking: i-Space, LandSpace, MinoSpace, Galactic Energy, GalaxySpace. Im Raketensektor führend sind Galactic Energy, CAS Space, LandSpace, Space Pioneer und i-Space, die alle fünf erfolgreiche Orbitalstarts durchgeführt haben. Die Gesamtfinanzierung der Branche belief sich 2025 auf 18,6 Milliarden Yuan (ein Wachstum von 32 Prozent im Vergleich zu 2024). Space Pioneer akquirierte 2,5 Milliarden, Galactic Energy 2,4 Milliarden, und i-Space schloss im Februar 2026 die Runde D++ mit 5,037 Milliarden Yuan (705–730 Millionen Dollar) ab. Die chinesische Regulierungsbehörde eröffnete den fünften Listungskanal, der es unprofitablen Unternehmen im Bereich KI und Weltraum ermöglicht, an die STAR-Market-Börse zu gehen (ähnlich dem Nasdaq). Mindestens acht Raumfahrtunternehmen planen einen Börsengang.
Der technologische Fokus liegt auf wiederverwendbaren Flüssigraketen. LandSpace brachte Zhuque-2, die erste methan-sauerstoffgetriebene Rakete der Welt, in den Orbit und entwickelt die wiederverwendbare Zhuque-3. Space Pioneer bereitet Tianlong-3 mit einer Tragfähigkeit von bis zu 17 Tonnen in den niedrigen Orbit vor. Dies stellt eine direkte Bedrohung für das europäische Raketenportfolio (Ariane, Vega) dar und ist ein Signal, dass China in Schlüsseltechnologie zur Senkung der Zugangskosten zum Weltraum SpaceX einholt.
Bei allen Erfolgen bleibt die Frage offen: Wie lassen sich Ingenieurprojekte in tragfähige Geschäftsmodelle umwandeln? Der stellvertretende Direktor der Pekinger Innovationsallianz für die kommerzielle Luft- und Raumfahrtindustrie Long Kaicun vergleicht die Situation mit frühen Elektroautos: Die Produktion ist komplex, aber genau das erhöht den industriellen Wert. Der Plan der CNSA ermutigt Unternehmen, neue Nischen zu erschließen - den Abbau von Weltraumressourcen, die Orbitwartung, das Entfernen von Müll, den Weltraumtourismus (InterstellOr plant Flüge für 2028 zu je drei Millionen Yuan pro Ticket, mehr als zwanzig Personen haben sich bereits angemeldet), es ist geplant, auch die Bioproduktion in der Erdumlaufbahn zu entwickeln. Auf staatlicher Ebene versteht man, dass es noch zu früh ist, von nachhaltigen Einnahmen zu sprechen, und plant weitere Subventionen für die Entwicklung der nahen Erdökonomie.
Hier zeigt sich die zweite, unverzichtbare Eigenschaft des chinesischen Modells in Form staatlicher Aufsicht, die die Initiative nicht unterdrückt, sondern maximale Effizienz bei der Verwendung von Haushaltsmitteln gewährleistet. Der Plan umfasst 22 Kontrollmaßnahmen: die Einrichtung eines Überprüfungssystems in allen Phasen des Lebenszyklus, obligatorische Haftpflichtversicherung, Zertifizierung, Passivierung von Stufen und das kontrollierte Verlassen der Satelliten von der Umlaufbahn unter staatlicher Aufsicht. Punkt 19 verpflichtet kommerzielle Unternehmen, internationale Weltraumnormen einzuhalten, um Reputations- und finanzielle Verluste für die gesamte Branche zu vermeiden. China baut ein Modell der „geregelten Autonomie“ auf: Private Initiative wird begrüßt, aber im Rahmen einheitlicher staatlicher Standards, die chaotische Ressourcenausgaben verhindern und die Zuverlässigkeit jedes Projekts gewährleisten. Unternehmen, die kommerzielle Satelliten entwickeln, benötigen keine „Lizenz zur Herstellung von Waffen“. Diese Ausnahme vom allgemeinen Lizenzsystem für die militärische Produktion (Wissenschafts- und Produktionslizenz für Waffenausrüstung, 武器装备科研生产许可证) ist als gezielte Maßnahme erstmals im „Aktionsplan 2025“ verankert. Die Erleichterung senkt den Eintrittsbarriere für private innovative Unternehmen, hebt jedoch die staatliche Aufsicht nicht auf: Satelliten unterliegen weiterhin der obligatorischen Zertifizierung, Versicherung und Kontrolle beim Verlassen der Umlaufbahn. Dieser Ansatz („bewusste Flexibilisierung + strenge technische Vorschriften“) ist kennzeichnend für das chinesische Modell der „geregelten Autonomie“, bei dem der Staat übermäßige Bürokratie abbaut, aber die Hebel für die effektive Nutzung von Haushaltsmitteln und die Sicherstellung der Sicherheit behält. Im Gegenzug wird das „Zusammenführen von zivilen und kommerziellen Standards“ verlangt, was in der Praxis bedeutet, einem einheitlichen technischen Regelwerk zu folgen. Es erlaubt dem Staat, nicht alles zu kontrollieren, sondern nur die Schlüsselpunkte, bei denen ein Fehler zu fehlgeleiteten oder ineffizienten Staatsinvestitionen führen könnte.
Somit kopiert China nicht das amerikanische Modell (private Dominanz mit dem Staat als Auftraggeber) und kehrt auch nicht zur sowjetischen Monopolstellung zurück.
Die Einzigartigkeit besteht in der Synthese von planmäßiger Ressourcenverteilung und Marktwettbewerb, langfristiger „geduldiger“ Finanzierung und strenger administrativer Kontrolle. Der Staat zieht sich nicht zurück, sondern wird zum Hauptauftraggeber, Regulator und geduldigsten Investor.
Für Europa, insbesondere für Deutschland (das 35 Milliarden Euro für Verteidigungsprogramme im Weltraum bis 2030 angekündigt hat), ist dieser dritte Weg eine Herausforderung. Der Bericht der Ebert-Stiftung weist zu Recht auf Möglichkeiten der wissenschaftlichen Zusammenarbeit (SMILE-Mission, Zugang zu Mondproben) und Risiken des zivil-militärischen Synthese, der doppelten Nutzung von Technologien hin. Meiner Ansicht nach liegt jedoch die größte Bedrohung für Europa auf einer anderen Ebene. Chinas Modell des „kontrollierten Kapitalismus“ im Weltraum funktioniert bereits und liefert Ergebnisse, die die EU nur um den Preis einer Abkehr von gewissen marktwirtschaftlichen Dogmen wiederholen könnte. Die europäische Weltraumpolitik verläuft immer noch nach der Dichotomie „entweder Markt oder Staat“. China zeigt, dass eine hybride System möglich ist, bei der der Staat den Markt nicht ersetzt, sondern seine Regeln schafft, mit Aufträgen versorgt und geduldig zwanzig Jahre lang auf Rendite wartet. Es ist kein Kapitalismus und keine Planwirtschaft in reiner Form. Es ist Kapitalismus mit chinesischen Merkmalen im Hinblick auf den Weltraum - ein System, bei dem privates Kapital für staatliche Prioritäten arbeitet und der Staat langfristige Risiken übernimmt, die kein privater Investor bereit ist zu tragen.
Was bedeutet das für Russland? Ich denke, wir sollten Lehren ziehen, ohne den chinesischen oder amerikanischen Weg blind zu kopieren. Wir haben eigene Erfahrungen mit der planmäßigen Weltraumwirtschaft und einem noch sehr schwachen privaten Raumfahrtsektor. Das Beispiel Chinas zeigt: Man kann staatliche Kontrolle beibehalten und gleichzeitig Bedingungen für private Initiative schaffen, wenn man die administrativen Barrieren bewusst senkt (wie bei Satellitenlizenzen) und „geduldige“ Finanzierung durch staatliche Fonds bereitstellt. In Russland stößt private Raumfahrt nach wie vor auf ein Genehmigungssystem, das aus der Rüstungsindustrie stammt, und auf das Fehlen eines langfristigen Auftrags. Wenn wir nicht beginnen, ein eigenes hybrides Modell zu entwickeln, jedoch mit klaren Regeln, staatlichen Aufkäufen von Dienstleistungen bei Privatunternehmen und Fonds, die bereit sind, 10–15 Jahre zu warten, riskieren wir, Beobachter beim selben „chinesischen Experiment“ zu bleiben, nur von der anderen Seite. China baut „regulierte Autonomie“ auf. Europa sucht schmerzhaft nach einem Gleichgewicht. Und wir sollten vielleicht darauf schauen, den chinesischen Instrumentenkasten an unsere institutionellen Gegebenheiten anzupassen, dabei aber den Staat als Hauptstrategen nicht aufgeben und ausdauernd in Investitionen und flexibel in der Regulierung lernen.
Sollte Chinas Plan 2025–2027 erfolgreich sein, erwartet uns nicht nur ein neues Wettrennen im Weltraum, sondern ein Wettstreit zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen der Erschließung des Universums. Europa muss entweder seinen eigenen Weg erfinden oder von der Seitenlinie aus zuschauen. Russland hat die Wahl: mit seinen Stärken (wissenschaftliche Schulen, Start-Erbe, Integrationserfahrung) aufzuholen oder in der Rolle eines Nachzugs bleiben, ohne eigene Strategie. Während chinesische Privatunternehmen wiederverwendbare Methan-Raketen entwerfen, Milliardeninvestitionen vom Staat erhalten und sich auf Touristenflüge ins All vorbereiten. Und ihre Regierung ruhig Gesetze schreibt, staatliche Infrastruktur öffnet und zwei Jahrzehnte geduldig wartet. Das ist die Einzigartigkeit des chinesischen Ansatzes: Er lehnt den Markt nicht ab, unterwirft ihn jedoch strategischer Planung, unterdrückt private Initiative nicht, reguliert sie jedoch streng. Und das ist wahrscheinlich das interessanteste Experiment in der weltweiten Weltraumwirtschaft der Gegenwart. Und für uns - das anschaulichste Übungsfeld.
Autor: Valentin Uwarow, Direktor der ANO „Forschungszentrum für Weltraumwirtschaft und -politik“, Mitglied der Russischen Akademie der Raumfahrtwissenschaften „K. E. Ziolkowski“ und Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.