Verschiebung des globalen Wachstums
Das globale wirtschaftliche Gleichgewicht verschiebt sich allmählich: Länder in Asien und Afrika verzeichnen Wachstumsraten, die bis vor kurzem für Entwicklungsländer unerreichbar schienen. Hinter diesem Beschleunigung stehen jedoch nicht nur ausländische Investitionen, sondern auch systemische Veränderungen – von demografischen Vorteilen bis hin zu einer aktiven Rolle des Staates.
Warum nutzen einige Länder diese Chance, während andere mit Krisen konfrontiert sind, und wo verläuft die Grenze nachhaltigen Wachstums? Die „Aktuellen Kommentare“ haben darüber mit Tatjana Ason, Dr. Oec., Dozentin für Internationales Geschäft an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, diskutiert.
Ist das schnelle Wachstum der Entwicklungsländer Afrikas und Asiens ein langfristiger struktureller Trend oder ein vorübergehender Effekt von Investitionen?
Den aktuellen Entwicklungen nach zu urteilen, handelt es sich nicht um einmalige Kapitalzuflüsse, sondern um tiefgreifende Veränderungen. Das Wachstum wird durch fundamentale Verschiebungen in Demografie, Technologien und globaler Wirtschaftsarchitektur gestützt. Dabei unterscheidet sich der Charakter des Wachstums: Afrikanische Wirtschaften erhalten einen erheblichen Impuls durch direkte „grüne“ Investitionen, beispielsweise in Solarenergie, während asiatische Länder durch technologische Innovationen gestärkt werden.
Wie gelingt es diesen Volkswirtschaften, schneller als entwickelte Länder zu wachsen – günstige Ressourcen oder eine kluge Politik?
— Ressourcen und billige Arbeitskräfte allein reichen nicht aus. Eine Schlüsselrolle spielt der Staat, der effektive Institutionen formt. Der sogenannte „Exportboost“ wurde zur Basisstrategie der Länder, die einen wirtschaftlichen Durchbruch erzielt haben: Südkorea, China und später Vietnam und Bangladesch. Dieses Modell ermöglicht es, billige Arbeitskräfte in reale Einnahmen und Devisenerträge für weitere Investitionen zu verwandeln.
Allerdings ist „kluge Politik“ nicht nur der Start des Wachstums, sondern auch die rechtzeitige Änderung des Modells. Die Länder müssen vom Einsatz billiger Ressourcen zur Entwicklung von Innovationen übergehen. Andernfalls entsteht das Risiko einer „Middle-Income-Trap“: Wenn durch steigende Löhne die bisherigen Wettbewerbsvorteile verschwinden und sich noch keine hoch entwickelten Industrien gebildet haben. Afrikanische Volkswirtschaften, die heute zu den am schnellsten wachsenden der Welt gehören, konzentrieren sich auf den Aufbau von Infrastruktur, die Bildung einer Mittelschicht und die Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Warum zeigen einige Länder explosives Wachstum, während andere einen drastischen Rückgang verzeichnen?
— Die Antwort liegt in der Qualität des Wirtschaftsmodells. Einige Staaten entwickeln nachhaltige Entwicklungsstrategien, während andere zum Opfer des „Ressourcenfluchs“, politischer Fehler und externer Schocks werden.
Ein Beispiel ist China, das auf Technologien setzt – von künstlicher Intelligenz bis hin zu Quantencomputern – und auf „grüne“ Energie. Heute entfallen etwa 80 % der weltweiten Produktion von Solarzellen auf China. Gleichzeitig ziehen Vietnam und Indien, während sie Markt-reformen durchführen und Barrieren für Unternehmen abbauen, aktiv Produktionen an, die aus China abwandern. Vor dem Hintergrund der alternden Bevölkerung in Japan und Europa erhalten Indien und die Länder Afrikas eine „demografische Dividende“, die das Produktivitätswachstum fördert.
Entwickelte Länder wie Deutschland, Japan und Frankreich stehen vor ernsthaften Herausforderungen. Es geht nicht so sehr um „Degradierung“, sondern um Schwierigkeiten bei der Anpassung an neue Bedingungen. Deutschland sieht sich mit wachsendem Kostendruck und strukturellen Veränderungen in der Industrie konfrontiert, Japan mit einer demografischen Krise und einer hohen Schuldenlast.
Kann Russland in das neue wirtschaftliche Gleichgewicht eingebunden werden oder riskiert es, abseits zu stehen?
— Höchstwahrscheinlich wird Russland eine wichtige Rolle im internationalen Handel und in der globalen Logistik beibehalten: Ohne sie funktionieren die eurasischen Transportkorridore eingeschränkt. Das Land hat bereits einen signifikanten Teil der Exportflüsse von Europa nach Asien umorientiert. Das innenwirtschaftliche Wachstum wird durch staatliche Ausgaben, einschließlich Verteidigungsaufträgen und einer Politik der Importsubstitution, unterstützt. Ein solches Modell, das hauptsächlich auf staatlicher Nachfrage basiert, wirft jedoch die Frage nach langfristiger Stabilität und der Rolle des privaten Sektors in der Wirtschaft der Zukunft auf.
Tatjana Ason, Dr. Oec., Dozentin für Internationales Geschäft an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation.