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SIM-Karte als Pass: Der Markt wird aus der Schattenwirtschaft geholt

· Natalja Orlowa · ⏱ 3 Min · Quelle

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Die „Weißfärbung“ des SIM-Karten-Marktes ist nicht nur ein Kampf gegen graue Praktiken, sondern ein Indikator für eine tiefere Transformation der Branche. An der Schnittstelle treffen Sicherheitsfragen, die Interessen der Betreiber und der Ausbau digitaler Kontrolle aufeinander.

Darüber, welche Prozesse hinter diesen Veränderungen stehen, sprach „Aktuelle Kommentare“ mit Natalja Orlowa, Kandidatin der Wirtschaftswissenschaften, Dozentin am Lehrstuhl für Internationales Business der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation.

Ist das Verbot inoffizieller Verkäufe ein wirklicher Schlag gegen Betrüger oder der Versuch der Betreiber, sich Marge und Marktkontrolle zurückzuholen?

Hier liegt ein glückliches Zusammentreffen der Interessen des Staates und der Mobilfunkbetreiber vor. Für den Staat ist es ein realer, wenn auch nicht endgültiger Schlag gegen die betrügerische Infrastruktur. Die anonyme SIM-Karte ist ein sogenanntes Verbrauchsmaterial für Spam, Phishing und den Betrieb betrügerischer Callcenter. Die Beschränkung der Vertriebskanäle auf offizielle Händler verengt den Trichter, durch den dieses Verbrauchsmaterial in die Hände von Kriminellen gelangt. Für die Betreiber ist es ein Weg, die Kontrolle über die Qualität der Kundenbasis zurückzugewinnen. „Graue“ SIM-Karten haben oft einen niedrigen durchschnittlichen Erlös pro Nutzer, eine kurze Lebensdauer und verfälschen die Statistik. Indem inoffizielle Verkäufer verdrängt werden, holt sich die große Vier der Mobilfunkbetreiber die Marge zurück, die zuvor mit Vermittlern geteilt wurde, und erhält den direkten Draht zum Kunden. Das ist somit nicht nur eine Umverteilung der Zahlungsströme, sondern der Versuch, den Markt transparenter zu machen. Für die Betreiber ist ein sauberer Einzelkunde profitabler als mehrere sogenannte Drops (Strohpersonen), die nach einem Monat nicht mehr funktionieren.

Warum existieren die Modelle mit Stroh-Abonnenten trotz des ausdrücklichen Verbots der Weitergabe von SIM-Karten an Dritte weiter – wo genau bricht das System?

Solche Modelle sind für Betrüger notwendig, und es bleiben ihnen mehrere „Ersatzflugplätze“. Zum Beispiel „tote Seelen“ – das Registrieren von SIM-Karten auf bereits verstorbene Personen. Das Problem entsteht, weil es zwischen den Standesämtern, dem Innenministerium und den Mobilfunkbetreibern keinen automatischen Datenaustausch über Todesfälle gibt – Informationen treffen verspätet ein oder nur auf Antrag der Angehörigen. Ein weiteres Problem sind SIM-Karten für technische Geräte. Gemeint sind M2M-SIM-Karten, die mit vereinfachter Identifizierung verkauft und von Betrügern für Sprachdienste umgewidmet werden. Nächster Punkt: Menschen, die gegen ein kleines Entgelt bewusst Dutzende Karten auf ihren Namen registrieren und an Dritte weitergeben. Solange es Nachfrage nach Anonymität gibt, wird es auch ein Angebot geben. Und schließlich Korruption in Subhändlernetzen. Kleine Verkaufsstellen, die per Franchise oder über lange Vermittlerketten arbeiten, drücken häufig bei der Identifizierungsprozedur ein Auge zu, um Verkaufsziele zu erfüllen oder aus persönlicher Vorteilsnahme. Genau in diesem Segment versucht man jetzt, Ordnung zu schaffen, indem der Verkauf auf Marktplätzen nur noch offiziellen Stellen erlaubt wird. Das Hauptungleichgewicht liegt hier zwischen der formalen Gesetzesbefolgung und der tatsächlichen Verifizierung der Identität in Echtzeit.

Führt die Säuberung der Marktplätze nicht dazu, dass der Markt in geschlossenere und schwerer kontrollierbare Kanäle ausweicht?

Meine Prognose: Der Markt verschwindet nicht, sondern segmentiert sich. Der Massenkunde bleibt im legalen Bereich, während die spezifische Nachfrage in Nischenkanäle abwandert, die schwer zu kontrollieren sind. Es gibt aber Nuancen. Etwa die Frage der Skalierung: Marktplätze boten „grauen“ Verkäufern enorme Reichweite und bequeme Logistik. Eine SIM-Karte in einem Abholpunkt (Paketshop) in der Nähe zu kaufen, ist kinderleicht. Wenn der Markt in geschlossene Chats abwandert, steigt der Preis für eine illegale SIM-Karte und die Zugänglichkeit für den gewöhnlichen Kleinganoven sinkt.

Ist der Staat bereit für eine strikte digitale Identifizierung aller Nutzer oder ist das politisch und technisch noch eine „rote Zone“?

Technisch ist der Staat für eine strikte digitale Identifizierung bereit, und politisch verläuft der Prozess im Eiltempo. Dazu tragen bei: erstens die Integration des Einheitlichen Systems zur Identifizierung und Authentifizierung (ESIA), des Einheitlichen Biometriesystems (EBS) und der Datenbanken des Innenministeriums, was bereits eine Verifizierung in Echtzeit ermöglicht; zweitens die eingeführte Begrenzung auf 20 SIM-Karten pro Person – das ist bereits ein Schritt in die „rote Zone“ der Kontrolle, also ein klares Signal, dass die SIM-Karte aufhört, eine Ware zu sein, und zum digitalen Pass wird. Das Hauptrisiko ist hier sozialer Natur, denn nicht alle Bevölkerungsschichten sind bereit für verpflichtende Biometrie oder eine komplexe Verifizierung über „Gosuslugi“ bei jedem Kauf.

Natalja Orlowa, Kandidatin der Wirtschaftswissenschaften, Dozentin am Lehrstuhl für Internationales Business der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation.