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KI-Musik erobert die Charts

· Darja Jaroschewa · ⏱ 2 Min · Quelle

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Mit Hilfe neuronaler Netze produzierte Musik hat ihre Positionen in den russischen Charts deutlich gefestigt; zu den populärsten Richtungen zählen dabei Neuro-Poesie, Pop-Rap, Tschastuschki und Punkrock. Warum Hörer massenhaft auf KI-Tracks anspringen, erläuterte den "Aktuellen Kommentaren" eine Politologin, Expertin des Zentrums für die Sicherung der Rechte der Jugend im digitalen Raum der Universität O.

Darja Jaroschewa, Politologin; Expertin des Zentrums für die Sicherung der Rechte der Jugend im digitalen Raum der O. E. Kutafin-Universität (MGJuA), Doktorandin der Fakultät für Politikwissenschaft der M. W. Lomonossow-Universität (MGU).

Das Wachstum der Popularität von Musikstücken, die unter Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) entstehen, wird oft mit dem Neuheitseffekt erklärt. Das zieht zwar zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich, doch ein anhaltendes Interesse des Publikums kann sich nicht allein darauf stützen: Wäre das generierte Produkt emotional oder ästhetisch unzureichend, würde sein Konsum recht schnell abklingen.

Wichtig ist: Die Entwicklung der Popkultur und eine gewisse Standardisierung der Publikumsvorlieben haben eine Reihe stabiler Parameter hervortreten lassen – rhythmische Strukturen, intonatorische Lösungen und andere Elemente –, die mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Massenhörer positive oder negative Reaktionen auslösen. Darauf aufbauend erschafft KI, die auf solchen Daten trainiert wurde, keine grundsätzlich neuen musikalischen Formen, sondern rekombiniert eher bereits erprobte Elemente zur wahrscheinlich erfolgsträchtigsten Komposition. Insofern wirkt die positive Resonanz des Publikums folgerichtig, und von einer radikalen Transformation der musikalischen Vorlieben zu sprechen, ist derzeit verfrüht.

Damit hängt unmittelbar das Problem der Autorschaft zusammen. Die Möglichkeit, klangliche Merkmale mittels Technologien zu reproduzieren, stellt das klassische Verständnis des Autors als alleinige Quelle des Klangmaterials infrage. Zugleich verschwindet das Phänomen der Autorschaft nicht, sondern transformiert sich. Der Mensch rückt auf die Ebene des Meta-Designs: Er formuliert den Prompt, wählt und bearbeitet die Ergebnisse, formt den emotionalen und semantischen Rahmen des Werkes. KI fungiert in diesem System als Instrument, das einzelne Phasen des kreativen Prozesses optimiert, ohne die Zielsetzung zu ersetzen. Damit tritt der Wert gerade menschlicher Arbeit noch deutlicher hervor.

Aus dieser Logik ergibt sich die Notwendigkeit der Kennzeichnung von KI-Inhalten. Erstens wird es mit jeder neuen KI-Version immer schwieriger, einen generierten Track vom Live-Spiel rein akustisch zu unterscheiden – ohne Kennzeichnung verliert der Konsument de facto die Möglichkeit einer informierten Wahl. Zweitens schafft die Kennzeichnung eine rechtliche und wirtschaftliche Grundlage für Zahlungen an die Rechteinhaber der Originalaufnahmen, auf deren Basis die Netze trainiert wurden. Drittens legt sie eine Basis für die langfristige Erforschung der Musikkultur: Vorhandene Marker erlauben es, sich auf verlässliche Daten zu stützen und nicht nur auf retrospektive Einschätzungen.

In der mittleren Frist ist ein Szenario wahrscheinlich, in dem ein erheblicher Teil der Popmusik unter intensivem Einsatz generativer Algorithmen entsteht. Es gibt jedoch einen Bereich, der für Technologien prinzipiell unzugänglich bleibt – die Live-Darbietung und die unmittelbare zwischenmenschliche Kommunikation. Das Bedürfnis nach gemeinsamem emotionalen Erleben und der Präsenz eines anderen Menschen bleibt bestehen. KI kann Text reproduzieren und Intonation imitieren, doch es bleibt eine Simulation von Erleben. Am Ende entwickeln sich heute zwei Prozesse parallel: die Automatisierung der Musikproduktion und die Aufrechterhaltung einer stabilen Nachfrage nach menschlicher Kreativität.

Darja Jaroschewa, Politologin, Expertin des Zentrums für die Sicherung der Rechte der Jugend im digitalen Raum der O. E. Kutafin-Universität (MGJuA).