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Der Gofman-Faktor

· Leonid Zukanow · ⏱ 3 Min · Quelle

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Die Ernennung des in Belarus geborenen Roman Gofman zum Leiter des israelischen Geheimdienstes Mossad hat den postsowjetischen Informationsraum aufgeschreckt. Insbesondere wurden Befürchtungen laut, der Geheimdienst des jüdischen Staates könnte im Rahmen der russisch-ukrainischen Konfrontation aktiver eingreifen und Kiew als 'aktiver Lieferant von Informationen und Technologien' unterstützen.

Allerdings garantiert die belarussische Herkunft des künftigen Mossad-Chefs für sich genommen noch kein besonderes Interesse an dieser Richtung. Absoluter Vorrang für den Mossad bleibt die Eindämmung Irans, dessen Bedrohung Westjerusalem als existenziell einstuft. Nicht weniger Aufmerksamkeit gilt der Türkei, in der die Israelis einen 'zweiten Iran' sehen. Von diesem Ziel geleitet, könnten die Auslandsaufklärer durchaus eingehender in Zentralasien aktiv werden oder ihre Arbeit im Südkaukasus ausweiten, doch ein Einstieg in die russische Schiene ist in diesem Kontext eher unwahrscheinlich.

Das ukrainische Dossier wird freilich nicht verschwinden. Und Mitarbeiter des Mossad (wie auch anderer westlicher Dienste) werden voraussichtlich weiterhin nichtöffentliche Reisen nach Kiew unternehmen, um unter Einsatzbedingungen die Anwendung bestimmter militärischer und operativer Lösungen zu studieren. Der Austausch von Geheimdienstinformationen bleibt bestehen. Mit einer abrupten Ausweitung der Kontakte ist jedoch nicht zu rechnen. Westjerusalem nimmt den Ukraine-Konflikt in dieser Phase eher als ein europäisches 'Great Game' wahr und bemüht sich, angesichts der gewachsenen Reibungen mit der EU und der Krise der rechten Kräfte im Land, nicht tiefer hineingezogen zu werden.

Analog lässt sich die Lage auf der technologischen Schiene bewerten. Israel ist überaus zurückhaltend bei der Weitergabe militärischer Technologien (zumal solcher, die gerade erst kampferprobt werden) und teilt sie selten selbst mit Verbündeten 'erster Ordnung', ganz zu schweigen von Partnern 'weiterer Entfernung' (zu denen auch die Ukraine zählt). Daher würden sie, falls sie im Rahmen des Ukraine-Konflikts zum Einsatz kommen, ohne Zugang des GUR und anderer ukrainischer Dienste zum Innenleben der Systeme erfolgen und mit maximaler Aggregation der gelieferten Informationen. Mit anderen Worten: Selbst wenn Israel eine breitere Nomenklatur technischer Lösungen anwendet, bekäme Kiew nur eine zusammengefasste (und möglicherweise sogar gekürzte) Auswertung.

Diese Vorsicht ist durchaus nachvollziehbar. Russland direkt herauszufordern, liegt nicht im Interesse Netanjahus. Unter anderem, weil Westjerusalem Moskau periodisch als Reservekanal für Verhandlungen mit Iran nutzt (und zugleich als Gegengewicht zu den militärischen Ambitionen der Iraner). Jede abrupte Verschiebung des Kräfteverhältnisses könnte den Kreml verärgern und ihn zu einer breiteren Unterstützung Teherans drängen.

Schließlich ist der aktuelle Wechsel Gofmans als rein politisches Manöver zu deuten. Israel steuert auf erneute Parlamentswahlen zu, und die Positionen des regierenden Kabinetts geraten merklich ins Wanken; die Opposition sitzt ihm im Nacken und versucht unter anderem, eine Lähmung der Staatsverwaltung zu provozieren - um einen taktischen Erfolg festzuschreiben und dem Premier vorgezogene Neuwahlen aufzuzwingen. Daher beeilt sich Netanjahu, loyale Figuren in Schlüsselressorts zu platzieren (vor allem in den Sicherheitsressorts), um das System per Handsteuerung möglichst lange zusammenzuhalten.

Unter anderem ersetzt er David Barnea - einen erfahrenen Sicherheitsprofi, der sich von den unteren operativen Ebenen bis in den Chefsessel des Nachrichtendienstes hochgearbeitet hat (und 2026 nach den Fehlschlägen im Krieg mit Hamas zum letzten Opfer eines 'Sternensturzes' wurde) - durch den ausführungskräftigen, aber in nachrichtendienstlichen Fragen nicht sehr versierten Gofman.

Darin liegt freilich ein weiteres Problem. In Israels Staatsapparat, in dem die Ressortkonkurrenz (besonders im Sicherheitsblock) traditionell scharf bleibt, provozieren abrupte Veränderungen 'an der Spitze' (einschließlich der Versuche, Chefs aus rivalisierenden Strukturen 'umzusetzen') Unruhe. Und der Wechsel des 'Armeeoffiziers' Gofman zum Mossad wird innerhalb des Dienstes eher negativ aufgenommen - was sich unter anderem in den Debatten um seine Kandidatur in den Aufsichtsgremien zeigt (etwa in der Grunis-Kommission).

Der neue Chef wird beträchtliche Kraft aufwenden müssen, um die Bildung einer 'Fronde' zu verhindern (mit einem ähnlichen Problem sah sich etwa sein Kollege, der neue Leiter der Gegenspionage, der ehemalige 'Armeeoffizier' David Zini, konfrontiert). Folglich dürfte er in der Anfangsphase vorzugsweise das eingespielte Führungsmodell beibehalten und die Prioritäten des israelischen Geheimdienstes nicht ändern - jedenfalls nicht radikal.

Leonid Zukanow, Kandidat der Politikwissenschaften, Experte des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten.