Mars als Horizont, Mond als Stütze
· Jewgeni Kusnezow · ⏱ 6 Min · Quelle
Der Traum von der Reise des Menschen zu den Sternen ist nicht verschwunden, aber heute hängt er weniger vom Fehlen einer entscheidenden Technologie ab, sondern vielmehr vom allgemeinen Maßstab der menschlichen Zivilisation. Selbst die optimistischsten physikalischen Hypothesen für Fernreisen erfordern immer noch eine Energie-, Rechen- und Produktionsbasis, die mit den heutigen Möglichkeiten nicht vergleichbar ist. Daher stellt sich nicht die Frage, ob man nach dem interstellaren Horizont streben sollte, sondern wie man eine Leiter dorthin baut. Darüber schreibt Jewgeni Kusnezow, Futurologe, Geschäftsführer der Digital Evolution Ventures, bevollmächtigter Vertreter der Singularity University in Russland.
Wie das Projekt „Horizont 2040“ und spätere Entwicklungen des Autors dieses Artikels zeigten, wird der tiefe Weltraum kaum mit einem Sprung erobert werden: Zuerst muss sich die Menschheit im erdnahen Raum festigen, dann den Mond in eine Stützbasis verwandeln, dann den Mars und die Asteroiden erschließen und erst danach Werkzeuge für die Expansion weiter bauen.
Diese Logik wirkt nicht mehr wie Futurologie. Der Weltraum ist nicht mehr eine periphere Branche, sondern hat sich zu einer Schicht der Infrastruktur der irdischen Wirtschaft entwickelt. Die Space Foundation schätzt die weltweite Weltraumwirtschaft im Jahr 2024 auf 613 Milliarden Dollar, wobei etwa 78 Prozent auf den kommerziellen Sektor entfallen. Das WEF und McKinsey erwarten ein Wachstum auf 1,8 Billionen Dollar bis 2035 – fast doppelt so schnell wie das globale BIP. In einzelnen nationalen Volkswirtschaften ist der Effekt noch stärker: In Großbritannien stützen Satellitendienste laut offiziellen Schätzungen 18 Prozent des BIP, und die Royal Society beschreibt den Sektor als dreieinhalb Mal schneller wachsend als die Wirtschaft insgesamt.
Bemerkenswert ist, dass die Schätzungen dieses Marktes in den letzten Jahren systematisch nach oben verschoben wurden. Der frühe Richtwert von Morgan Stanley – „über 1 Billion Dollar bis 2040“ – schien lange Zeit recht mutig. Doch bereits im ESA-Bericht 2023 wurde ein Spektrum von Prognosen von 926 Milliarden bis 1,5 Billionen Dollar bis 2040 genannt, mit noch höheren Szenarien bei der Bank of America und Goldman Sachs. Im Jahr 2024 hoben das WEF und McKinsey die Messlatte auf 1,8 Billionen Dollar bereits bis 2035, und PwC ließ 2025 direkt ein Niveau von bis zu 2 Billionen Dollar bis 2040 zu. Die letzte Schätzung erscheint heute nicht exotisch, sondern als durchaus realistische obere Grenze eines realistischen Szenarios.
Genau deshalb ändern nationale Weltraumprogramme ihren Sinn. Wenn der Weltraum des 20. Jahrhunderts in erster Linie eine Arena zur Demonstration der Flagge und des technologischen Souveräns war, wird der Weltraum der 2020er Jahre immer mehr zur Infrastruktur für die Wirtschaft auf der Erde. Es geht um den Übergang von einem „Weltraumrennen“ zu einer „Weltraumindustrie“, bei der nicht derjenige gewinnt, der die lauteste symbolische Geste macht, sondern derjenige, der zuerst Magistralen, Serviceplattformen und Stützmärkte baut. Die erste solche Megastruktur ist bereits faktisch geschaffen: Das Starlink-System zählt etwa 9.400 Satelliten und bildet das größte Kommunikationsnetzwerk der Welt im Orbit, dessen Bedeutung sich sofort als zivil und strategisch erwiesen hat.
Die nächste Schicht dieser Logik ist die Weltraumenergie und orbitale Datenzentren, einschließlich für AI/ML-Lasten. Hier ist es noch zu früh, von einem etablierten Markt zu sprechen, aber es ist bereits zu spät, dies als reine Fantasie zu betrachten. Obwohl die NASA derzeit nicht in naher Zukunft die Lieferung von Energie von Weltraum-Solarkraftwerken zur Erde technisch und wirtschaftlich in Betracht zieht und dies als mögliches Szenario am Horizont 2050 hält, führt die ESA eine separate Forschungslinie, die eine wettbewerbsfähige Grundlastgeneration auch bei erheblichem technologischen Fortschritt zulässt. Aber Energie wird auch im Weltraum selbst benötigt. Axiom Space hat bereits die ersten spezialisierten Knoten eines orbitalen Datenzentrums in niedriger Umlaufbahn gebracht, die auch für Aufgaben der künstlichen Intelligenz und des Edge Computing ausgelegt sind. Vor dem Hintergrund der IEA-Prognose, wonach der weltweite Stromverbrauch von Datenzentren bis 2030 mehr als verdoppelt und AI-optimierte Zentren mehr als vervierfacht werden, erscheinen solche Projekte nicht als zufälliger Futurismus, sondern als Erprobung einer neuen technologischen Nische. SpaceX von Elon Musk hat dies bereits als seine strategische Wette vor dem geplanten Börsengang angekündigt.
Auch das Thema der Weltraumproduktion reift schnell. Im amerikanischen Programm für die Herstellung im Weltraum werden Mikroelektronik und Halbleiter hervorgehoben, die in der Mikrogravitation bessere Eigenschaften als ihre irdischen Gegenstücke erhalten können. Britische Regulierungsbehörden und die Raumfahrtagentur diskutieren den Rahmen für die industrielle Produktion von Medikamenten im Orbit, und private Unternehmen wie Varda bauen darauf ein eigenes Geschäftsmodell auf. Mit anderen Worten, nach der radikalen Senkung der Startkosten wird der Weltraum erstmals nicht nur als Umgebung für Lieferung und Beobachtung betrachtet, sondern auch als neue Produktionsstätte für bestimmte Klassen von hochmarginalen Produkten.
Genau deshalb führt der Weg zum Mars in absehbarer Zukunft über den Mond. Nach Ansicht des Autors ist es logischer, den Mond nicht als symbolische Trophäe zu betrachten, sondern als zukünftige industrielle und energetische Basis – Quelle von Wasser, Sauerstoff, Treibstoff, Metallen und – potenziell – Materialien für die lokale Produktion von Solarpaneelen und anderen Elementen der Weltrauminfrastruktur. Die geringere Schwerkraft macht ihn zu einem natürlichen Brückenkopf für den Aufbau einer „unterlunaren“ Wirtschaft, in der ein erheblicher Teil der Massen und Energie bereits außerhalb des irdischen Gravitationsbrunnens gewonnen wird.
Was besonders wichtig ist, ist, dass die größten Programme der Welt genau diesem Pfad folgen. In der Architektur von Moon to Mars der NASA ist die Stützung auf die Infrastruktur in niedriger Umlaufbahn und die Erweiterung der wirtschaftlichen Sphäre über die Erde hinaus direkt verankert; ein separates Dokument der Agentur spricht von der Bildung eines nachhaltigen Mondmarktes. Trotz aller Verschiebungen der Zeitpläne bleibt die amerikanische Logik infrastrukturell und plant, die Erschließung des Mondes mit einer Landung im Jahr 2028 zu beginnen. China plant ebenfalls eine Mondlandung bis 2030 und betrachtet die Mission Chang’e-8 als Schritt zu Experimenten mit der Nutzung lokaler Ressourcen und zur zukünftigen International Lunar Research Station. Mit anderen Worten, sowohl die USA als auch China betrachten den Mond immer weniger als „Flagge“ und immer mehr als Basis der nächsten wirtschaftlichen Ebene.
Hinter dem Mond zeichnet sich die nächste Ressourcenbarriere ab – die Asteroiden. Das klingt derzeit wie ein Horizont der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, aber die Logik ist bereits klar: Sobald der außerirdische Abbau von Treibstoff, Konstruktionsmaterialien und Serviceressourcen in der Nähe des Mondes nicht mehr nur ein staatlicher Ausgabenposten ist und beginnt, die Kapitalisierung von Unternehmen zu erhöhen, wird die Asteroidenagenda zur natürlichen Fortsetzung. Bei einigen kritischen Materialien kann dies auch für die irdische Wirtschaft von Bedeutung sein. So könnte der erdnahe Asteroid 1986 DA laut wissenschaftlichen Schätzungen Mengen an Eisen, Nickel, Kobalt und Platinmetallen enthalten, die mit den derzeitigen weltweiten Reserven vergleichbar oder sogar größer sind. Dies ist bereits ein Kampf nicht nur um neue Territorien, sondern auch um eine neue Ressourcenbasis der industriellen Zivilisation.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Mars nicht als falsches, sondern als aufgeschobenes Ziel. Heute fehlt es ihm nicht so sehr an Raketen, sondern an Wirtschaft. Auf die Frage, warum die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten eine autarke Marskolonie braucht, gibt es bisher keine überzeugende kommerzielle Antwort. Die Idee eines „zweiten Zuhauses“ inspiriert Kapital und öffentliche Vorstellungskraft, stößt jedoch auf enorme Kosten für Logistik, Lebenserhaltung und industrielle Reproduktion. Daher erfüllt der Mars heute im praktischen Sinne eher die Funktion eines Moonshots – eines Mobilisierungshorizonts, der die Richtung vorgibt, aber die Zwischenstufen nicht aufhebt. Je mehr die erdnahe und lunare Infrastruktur billiger und komplexer wird, desto erreichbarer wird der rote Planet – und dann werden sich auch wirtschaftliche Argumente für ihn ergeben.
Für Russland ergibt sich daraus ein recht nüchterner Schluss. In den kommenden Jahren plant es, als Teilnehmer der chinesischen Mondtrajektorie aufzutreten. Aber langfristige Subjektivität kann sich nicht nur auf die Rolle eines Partners stützen. Als Pionierland benötigt Russland eine Wende vom Weltraum als Statusvitrine zum Weltraum als Instrument praktischer Technologien, Dienstleistungen und zukünftiger Ressourcen – zu Kommunikation, Erdbeobachtung, orbitalem Service, Automatisierung, neuen Materialien, Energie und perspektivisch auch zu rechtlichen, industriellen und marktwirtschaftlichen Grundlagen für die Arbeit mit Ressourcen des Mondes und der Asteroiden. Nur eine solche Strategie lässt die Chance, nach 2050 nicht nur in Kooperation, sondern auch auf eine eigenständigere Erschließungstrajektorie zu gelangen. In diesem Sinne bedeutet die Formel „Ziel – Mars“ heute nicht die nächste Adresse einer Expedition, sondern die Richtung einer großen industriellen Montage, in der bereits ein entschlossener und kompromissloser Kampf um die orbitale Infrastruktur, den Mond und zukünftige außerirdische Ressourcen entbrannt ist.