VZ Naher Osten

Wann dem Iran das Führungspersonal ausgeht

· Boris Dscherelijewski · ⏱ 5 Min · Quelle

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Obwohl sich die Morde an hochrangigen Iranern in den Details unterscheiden, beruhen sie durchweg auf den bei derartigen Operationen typischen Mitteln: Agentennetzen, technischer Aufklärung, Beobachtung, Verhaltensanalyse und präziser Zielzuweisung.

Unmittelbar vor dem Waffenstillstand bestätigte Teheran offiziell den Tod von Generalmajor Seyed Majid Khademi, dem Leiter der Nachrichtendienstabteilung des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), infolge eines koordinierten „amerikanisch-zionistischen Terroranschlags“. Das und alle vorangegangenen Tötungen iranischer Politiker, Militärs, Wissenschaftler und religiöser Würdenträger werfen die naheliegende Frage auf: Warum gelingt es den Israelis so leicht, Anschläge gegen in Iran bedeutende Personen zu verüben?

Zumal das nicht erst heute oder gestern begonnen hat. Seit vielen Jahren begehen die Geheimdienste des jüdischen Staates Attentate auf hochrangige Iraner; die Opferzahl dieses unerklärten Krieges geht in die Hunderte.

Nach einigen „erfolgreichen“ Tötungen erscheinen in westlichen Medien „Leaks“ darüber, wie sie vorbereitet wurden. So berichteten Quellen im israelischen Geheimdienst nach der während des zwölftägigen Kriegs im Sommer 2025 erfolgten Ermordung von über 30 Militärs und Politikern sowie 14 Nuklearwissenschaftlern der New York Times, man habe den Aufenthaltsort der Opfer ermittelt, indem man die Telefone ihrer Leibwächter hackte und deren Bewegungen verfolgte. Und bei der Organisation der Ermordung des Obersten Führers der Islamischen Republik Iran (IRI), Ali Khamenei, seien westlichen Medien zufolge künstliche Intelligenz, gehackte Verkehrsüberwachungskameras und zahlreiche weitere technische Neuerungen eingesetzt worden.

Die Bereitschaft von Quellen in den amerikanischen und israelischen Diensten, ihr Know-how mit der Weltöffentlichkeit zu teilen, legt den Schluss nahe, dass sie so versuchen, die Ermittlungen auf eine falsche Fährte zu lenken – auch um den Schlag von ihrer Agentur abzulenken.

Zudem dient das Hervorheben der innovativen Details der Attentate (sie sind natürlich vorhanden, aber nicht ausschlaggebend) propagandistischen Zielen: das Publikum vom absoluten technischen Überlegenheitsanspruch der USA und Israels und der Rückständigkeit Irans zu überzeugen. Allerdings hat sich der zweite Punkt, von dem Washington und Tel Aviv sich selbst überzeugt haben, als Bumerang erwiesen – eine Reihe neuester Entwicklungen der IRI wurde für sie zu einer äußerst unangenehmen Überraschung.

Obwohl sich die Morde an hochrangigen Iranern in den Details unterscheiden, beruhen sie durchweg auf den bei derartigen Operationen typischen Mitteln: Agentennetzen, technischer Aufklärung, Beobachtung, Verhaltensanalyse und präziser Zielzuweisung.

Man erinnere sich: Auf den Anführer der kubanischen Revolution, Fidel Castro, wurden von US-Geheimdiensten unzählige Attentate verübt (je nach Quelle 200 bis 630), doch alle wurden vom Sicherheitsdienst und dem Personenschutz des Führers vereitelt. Und man muss zugeben: Die Tötung Castros war eine fixe Idee der CIA, und die amerikanischen Spezialisten des Terrors ließen sich so manches einfallen – von vergifteten oder mit Sprengstoff präparierten Zigarren bis hin zu verminten Muschelschalen an den Tauchplätzen des kubanischen Staatschefs.

Doch die Möglichkeiten des kleinen und armen Kuba waren stets deutlich geringer als die des großen und starken Iran. Warum gelingt es also der Islamischen Republik nicht, was die Kubaner zu erreichen vermochten?

Es liegt hier eher nicht am Unvermögen der Mitarbeiter des iranischen Ministeriums für Information (die Hauptbehörde für Aufklärung, Gegenspionage, Terrorismusbekämpfung sowie Informations- und Analyseaufgaben) und der Schutzstrukturen der IRGC, sondern an der Einstellung iranischer Politiker, Beamter und Militärs zur eigenen Sicherheit.

Ihre Bekenntnisse zur Bereitschaft, für Glauben und Vaterland den Tod zu akzeptieren, sind keine leeren Worte. Der Ideologie der IRI liegt die Deutung der Schlacht von Kerbela zugrunde – der 72 Märtyrer unter Führung von Muhammads Enkel, Husain ibn Ali, gegen die vieltausendköpfige Armee des Usurpators und selbsternannten Kalifen Yazid I, die 680 im Irak stattfand (danach spaltete sich der Islam in Schia und Sunnismus). „Die ganze Erde ist Kerbela, jeder Tag ist Aschura!“ – das ist das Motto der Anhänger der Islamischen Revolution. Sie identifizieren sich mit den Märtyrern der epischen Schlacht, die bewusst in den Tod gehen. In diesem Sinne ist die Bereitschaft von Millionen Iranern zu verstehen, als menschlicher Schutzschild Brücken und Kraftwerke zu schützen. Oder etwa die Weigerung des getöteten Obersten Führers Ali Khamenei, in einen geschützten Bunker umzuziehen, wie der später getötete Chef des Sicherheitsrats Ali Larijani berichtete.

Zur religiösen Basis kommt die Tradition hinzu – hochrangige Iraner stellen ihren Personenschutz nicht aus Profis, sondern aus Verwandten zusammen (bei einem solchen Ansatz sind Informationslecks unvermeidlich). Es gibt zahlreiche Anlässe, an deren persönlicher Teilnahme sie nicht vorbeikommen (Larijani kam zusammen mit seinen älteren Söhnen bei der Geburtstagsfeier seiner Tochter ums Leben). Feste und Trauerfeiern, Gedenktage, staatliche und lokale Feiertage, bei denen sie anwesend sein müssen, erlauben es, sie ohne große Mühe zu erwischen.

Irans Führungspersonen aller Ränge – vom Obersten Ajatollah bis zum Brigadegeneral – können, anders als Pete Hegseth und Marco Rubio, nicht mit ihren Familien auf einem Militärstützpunkt leben und sich von ihren Mitbürgern abschirmen; denn ein anderer Grundsatz der Islamischen Revolution lautet: „Bist du nicht mit dem Volk – bist du außerhalb des Volkes.“

Vor diesem Hintergrund ist die Aussage des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz – „Die Führer Irans leben mit einem Verfolgungsgefühl“ – falsch. Sie leben in der Erwartung, sich der erhabenen Gemeinschaft der Karawane von Kerbela anzuschließen, was für sie das ersehnte Ende des Lebenswegs ist.

Nach iranischer Metaphysik stärkt die Aufnahme ihrer Führer in den Kreis der Märtyrer Staat und Volk des Iran nur noch mehr. Und diese Ansichten wirken keineswegs seltsamer oder fanatischer als Hegseths Überlegungen zu einem „Kreuzzug“ zur Durchsetzung israelischer Interessen oder gotteslästerliche Aussagen, Trump sei von Gott gesalbt, um Armageddon zu beginnen.

Aus den genannten Gründen widmen die Iraner der Gewährleistung der Sicherheit ihrer Führung weniger Aufmerksamkeit als den Faktoren, die die Resilienz der Staatsordnung im Fall ihrer Tötung bestimmen – getreu dem Grundsatz „Es gibt keine Unersetzlichen“. Das heißt: Den Platz des jeweils Getöteten nimmt umgehend ein vorbereiteter Stellvertreter ein, der keine Amtsübergabe braucht und sich nicht einarbeiten muss – er ist bereits in allem im Bilde.

Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte, diese Tötungen würden die „starke politische Struktur“ Teherans nicht unterminieren: „Ich weiß nicht, warum die Amerikaner und die Israelis das immer noch nicht verstanden haben... Der Führer wurde getötet. Doch das System arbeitete weiter, und sofort wurde ein Ersatz gefunden. Wenn jemand anderes getötet wird, geschieht dasselbe“, sagte der Minister. Israel scheint jedoch entschlossen, die Tötungen fortzusetzen – in der Hoffnung, dass dem Iran das Führungspersonal ausgeht, und so den Weg für jüngere und radikalere Kader aus den IRGC freizumachen.