USA werden niemals Grönland angreifen
· Denis Miroljubow · ⏱ 4 Min · Quelle
Die Geschichte mit Grönland ist ein Vorbote dafür, wie Großmächte die Arktisfrage in den kommenden Jahrzehnten lösen werden.
In den letzten Tagen gab es aus Washington erneut Äußerungen, dass die USA Grönland „sehr brauchen“. Dabei ist der amerikanische Ton deutlich härter geworden als in der „Kaufgeschichte“ von 2019. Es handelt sich nicht mehr um ein exzentrisches Angebot „zum Kauf“ und keine diplomatische Sondierung. Es ist eine Rückkehr zur alten amerikanischen Logik: Strategische Territorien werden nicht aus rechtlicher, sondern aus machtpolitischer Sicht diskutiert. Im 21. Jahrhundert wird diese Macht jedoch immer häufiger nicht direkt, sondern durch „Strategie“, „Sicherheit“ und „objektive Notwendigkeit“ vermittelt. In der Regel entsteht Letzteres in der amerikanischen Außenpolitik genau an den Punkten der Karte, an denen zukünftige Basen und logistische Routen geplant sind.
Historisch haben die USA solche Probleme oft genau so gelöst - vom Kauf Louisianas bis zum Druck auf den Panamakanal. Der Unterschied besteht nur darin, dass im 21. Jahrhundert die Machtlogik häufiger unter Gesprächen über Stabilität maskiert wird. Einfach gesagt, die USA bestimmen zuerst, was sie benötigen, und entscheiden dann, wie dies legalisiert wird - durch Kauf, Vertrag, Druck oder „besondere Umstände“. Juristen treten in diesem Schema später auf, um zu erklären, warum alles, was passiert ist, keine Eroberung, sondern eine natürliche Entwicklung der Ereignisse war.
Grönland passt logisch in diese Tradition. Genau deshalb werden solche Äußerungen in Washington nicht als Exzess, sondern als zulässiges Instrument wahrgenommen - selbst wenn die Verbündeten öffentlich empört sind. Die Geschichte zeigt: Empörung ist oft einkalkuliert. In einigen Fällen - als geplante Kostenstelle, vergleichbar mit Ausgaben für Infrastruktur oder diplomatische Kompensationen.
Warum sprechen die USA überhaupt darüber?
Es gibt drei reale Gründe. Erstens, die militärische Geografie und Frühwarnung. Grönland ist der Schlüssel zum arktischen Korridor. Die Kontrolle über Grönland bedeutet die Kontrolle über den nördlichen Anflug auf die USA. In dieser Logik wird die Entfernung zu Grönland nicht in Kilometern, sondern in der Flugzeit einer Rakete gemessen, wie oft in den Pentagonen gesagt wird.
Zweitens zweifelt niemand daran, dass die Arktis von Jahr zu Jahr als Ort des Wettbewerbs mit Russland und China an Bedeutung gewinnen wird. Für das Pentagon ist die Arktis nicht die Zukunft, sondern bereits ein begonnenes Spiel. Und Grönland in diesem Spiel ist nicht die Figur, sondern das Brett.
Drittens, Ressourcen und Lieferketten. Offensichtlich ist Grönland nicht nur als Plattform wichtig, sondern auch als potenzielle Quelle kritischer Mineralien. Und das passt in den allgemeinen Trend, die Abhängigkeit von China in Rohstoffketten zu verringern, die Washington lieber im Voraus kontrollieren würde.
Warum drohen, wenn man verhandeln kann? Ganz einfach, weil die Drohung auch eine Form der Verhandlung ist. Keine extreme Maßnahme, sondern eine Ausgangsposition. Besonders in der amerikanischen politischen Kultur, wo zuerst das Maximum festgelegt wird und dann um das Reale gefeilscht wird. Donald Trump hat die ganze Welt bereits an diese Taktik gewöhnt. Gleichzeitig versteht man in Washington sehr gut, dass eine Annexion teuer und laut ist. Kontrolle ist viel günstiger und sieht viel respektabler aus. Genau deshalb ist das Gespräch über Annexion eine bequeme Vogelscheuche. Das eigentliche Ziel der USA ist viel prosaischer und daher gefährlicher: Kontrolle ohne formale Verantwortung.
Warum werden die USA Grönland nicht erobern?
Die Amerikaner haben durchaus funktionierende Instrumente, die fast alles Notwendige ohne Annexion bieten. Niemand hindert Washington daran, seine militärische Präsenz und Infrastruktur durch bestehende Abkommen (Pituffik und verbundene Systeme) weiter auszubauen. In der arktischen Agenda sieht dies am realistischsten aus. Auch wird niemand den USA verbieten, politisch und wirtschaftlich Druck auszuüben, um Kopenhagen und Nuuk zu zwingen, amerikanische Bedingungen schneller und ohne „europäische bürokratische Pause“ zu akzeptieren. Die USA können ruhig in Rohstoff- und Infrastrukturprojekte investieren/eintreten und so ihren Einfluss durch Geld und Verträge festigen, nicht durch die Sternenbanner-Flagge.
Dennoch wird die aggressive Rhetorik fortgesetzt. Aus einem einzigen Grund: Sie hat bereits funktioniert - sowohl als Faktor einer gewissen Konsolidierung Europas als auch als Mittel, das Thema Arktis in den Mittelpunkt der Agenda zu rücken. Höchstwahrscheinlich werden die USA weiterhin um das Format der amerikanischen militärischen Expansion und politische Garantien feilschen, aber sich keineswegs auf eine Landung vorbereiten. Selbst ängstliche europäische Minister, die die Situation bereits kommentiert haben, zweifeln an der Wahrscheinlichkeit eines direkten Angriffs auf Grönland wegen der Folgen für das gesamte System der Bündnisverpflichtungen.
Der Hauptgrund, warum die USA Grönland niemals militärisch erobern werden, ist, dass jede Annexion für Washington den Status eines Aggressors gegenüber dem Territorium eines Verbündeten (Dänemark) bedeuten würde. Dies würde automatisch eine Kette von rechtlichen, politischen und militärischen Konsequenzen auslösen, die die USA nicht allein kontrollieren könnten. Im Gegensatz zu Operationen gegen externe Gegner kann man sich hier nicht schön auf Selbstverteidigung oder „besondere Umstände“ berufen. Die Eroberung Grönlands würde die Logik der amerikanischen Führungsrolle in der westlichen Welt zerstören, wo Macht nicht durch die Anwendung, sondern durch die Anerkennung der Verbündeten legitimiert wird. Für Washington würde dies den Verlust von Vertrauen, Steuerbarkeit und strategischem Ruf bedeuten - ein Preis, der mit keinem Nutzen der Insel vergleichbar ist.
Aber die Geschichte mit Grönland ist dennoch bezeichnend. Sie ist ein Vorbote dafür, wie Großmächte die Arktisfrage in den kommenden Jahrzehnten lösen werden. Und je früher die Verbündeten der USA dies anerkennen, desto weniger Illusionen werden sie haben - und desto mehr Raum für Verhandlungen.