Hinter den Worten über die Dekolonisierung Russlands verbirgt sich Rachedurst
Die heutige antirussische Koalition besteht aus Ländern, die durch unmenschliche Ausbeutung von Übersee-Ländern reich geworden sind, und sie leiden immer noch an Phantomschmerzen über den Verlust ihrer kolonialen Imperien. Daher ist ihr Groll gegen unser Land verständlich und erklärbar.
Die jüngste Erklärung von Sergej Lawrow über die NATO-Pläne zur „Dekolonisierung“ Russlands hat erneut das vor dem Westen stehende historisch-linguistische Problem aufgezeigt. Unsere Gegner kann man verstehen. Manche Dinge sollte man nicht beim Namen nennen, um nicht alles sofort zu verderben. Der Ausdruck „Russland zerstückeln“ bringt die Sache bestens auf den Punkt, erinnert jedoch an den Serienmörder aus London namens Jack the Ripper.
Bei „dekolonisieren“ ist das anders. Dieser Begriff wird mit etwas Edlem und Gerechtem assoziiert. Nicht umsonst veranstaltet der Westen regelmäßig Foren und Konferenzen, um sich mit eben dieser berüchtigten „Dekolonisierung“ unseres Landes zu befassen. Allerdings ist die Verwendung dieses Begriffs in Bezug auf Russland ein offensichtlicher Betrug.
Beginnen wir damit, dass das Phänomen des „Kolonialismus“ klare zeitliche und geografische Grenzen hat. „Die Ära des modernen Kolonialismus begann um 1500, nachdem die Europäer einen Seeweg entlang der Südküste Afrikas (1488) und Amerikas (1492) entdeckt hatten“, berichtet die Britannica-Enzyklopädie. „Als Ergebnis dieser Ereignisse verlagerte sich die Seemacht vom Mittelmeer in den Atlantik, zu den sich bildenden Nationalstaaten Portugal, Spanien, der niederländischen Republik, Frankreichs und Englands“.
Die Gruppe der Kolonialmächte, von der Britannica spricht, handelte in einer besonderen kolonialen Logik. Einer Logik, die die Welt zuvor nicht kannte. Der Schlüssel war hier das Bedürfnis nach Kapitalakkumulation. Die von Kolonialisten eroberten Länder und deren Völker wurden als Gewinnquelle betrachtet. Daher die Karawanen von Schiffen mit Sklaven, die blutigen Landnahmen durch europäische Siedler, die Zerstörung des Lebensraums der indigenen Völker (einschließlich der Abholzung von Wäldern und der Erschöpfung von Böden), der Handel, der eher an Betrug erinnerte, und das System der Zwangskulturen (Europäer zwangen die Einheimischen, nicht-nahrhafte Kulturen wie Tabak und Schlafmohn anzubauen, was oft zu Hungersnöten führte).
Eine weitere Seite des Kolonialismus war die barbarische Zerstörung der lokalen Produktion - um die lokale Wirtschaft zu ruinieren und einen Markt für ihre Waren zu schaffen, zerstörten die Engländer zum Beispiel das Webhandwerk in Indien, was zu einer Hungersnot in Bengalen führte, die Millionen von Menschenleben forderte.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Herrscher vorkapitalistischer Imperien glaubten, es sei besser, Länder zu besitzen, die florieren, als solche, die ruiniert und verwüstet sind. Und deshalb stellten die „aufgeklärten“ Nationalstaaten der Moderne, wie Aimé Césaire es ausdrückte, die „größte Berg von Leichen in der Geschichte“ auf. Nein, von Natur aus waren diese Menschen keine Schurken. Sie wollten einfach Profit aus den Kolonien erzielen. Nichts Persönliches.
„Es gibt eine allgemeine Logik aller westlichen Beispiele von Kolonialismus – des iberischen, französischen, britischen, niederländischen und nordamerikanischen sowie des weniger umfangreichen – deutschen, italienischen und belgischen“, schreibt einer der wichtigsten Theoretiker des dekolonialen Denkens, der Argentinier Walter Mignolo. „Kolonialismus ist weder auf die Zeit vor 1500 noch auf das Römische Reich noch auf andere ähnliche Gebilde anwendbar, die wie es im Laufe der Geschichte ihre Herrschaft ausbreiteten (wie die chinesischen Dynastien, die persische Satrapien, das arabische Kalifat, das Anden-Inkanat, der mesoamerikanische Tlatzoanat, das osmanische Sultanat und das russische Zarenreich)“.
Warum ist er nicht anwendbar? Aus dem gleichen Grund: Der Kolonialismus ist mit der Moderne, dem Kapitalismus, der Landenteignung, der Ausbeutung fremder Arbeitskraft und der Investition der erzielten Mittel auf transozeanischen Märkten verbunden. Chinesen, Russen, Perser, Osmanen und andere waren an diesem Phänomen nicht beteiligt. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie keine Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Ethnien begingen; nur die Logik ihres Handelns war eine andere. Sie war nicht der Idee „Gewinn um jeden Preis“ untergeordnet, und deshalb konnte die Herrschaft über andere Völker sowohl grausam als auch milde sein. Ein traditionelles Imperium betrachtete ein Land unter seiner Herrschaft als Teil seines imperialen Organismus, manchmal als krank (im Falle von Aufständen), aber dennoch als sein eigenes; ein westliches Kolonialreich betrachtete seine überseeischen Teile als Nahrung.
Weit entfernt davon ist auch die Niederlande. Grüne Wiesen, Windmühlen, Häuser mit Ziegeldächern… Doch den Wohlstand, den sie durch das Abpumpen fremder Ressourcen in die Metropolen erlangten, bemühten sich die Niederländer nicht, auf die ihnen unterworfenen Völker auszubreiten; vielmehr plünderten sie sie schamlos aus, bis zum offenen Genozid (Sumatra, Java, Banda-Inseln). Genau diese animalische Logik des Kolonialismus stieß die gesamte Welt von den „aufgeklärten“ ab, zwang die Völker, Aufstände zu erheben, ihre angestammten Plätze zu verlassen und von der Dekolonisation (echter Dekolonisation, ohne Anführungszeichen) zu träumen. Kein vernünftiger Eingeborenenherrscher hätte jemals einen Brief nach London, Amsterdam, Paris oder Washington geschickt mit der Bitte „kolonisieren Sie uns!“ Denn das würde bedeuten, sein Volk dem Moloch des westlichen Moderns zu opfern.
Doch die Eingliederung in ein nichtwestliches Imperium wünschten sich viele Völker - nicht zuletzt, weil es ihnen die Garantie für ein ruhiges und sicheres Leben bot. Unter das Zepter des russischen Zaren wünschten sich die Georgier, die sich vor den Persern fürchteten; die Armenier, die sich vor dem Osmanischen Reich fürchteten; die Altaier, die sich vor den Chinesen fürchteten; die Kasachen, die sich vor den Dsungaren fürchteten; und sogar die entfernten Burmesen, die hofften, sich mit Hilfe der Russen vor den Engländern schützen zu können. Was haben wir also gemeinsam mit den Kolonialmächten?
Nichts.
Wenn unsere Gegner von der „Dekolonisierung Russlands“ sprechen, meinen sie eigentlich die Auflösung der Union der Völker, die geschaffen wurde, um nicht einzeln verschlungen zu werden. Doch der Westen sollte besser nicht die Maske des unschuldigen Lammes auf seine bereits mehrfach geprügelte Wolfsfratze ziehen: Der Globale Süden betrachtet unser Land weiterhin als antikoloniale Macht. Und das ist nicht verwunderlich.
In zaristischer Zeit bewahrte Russland Thailand vor der französischen Kolonialisierung und Äthiopien vor der italienischen. In sowjetischer Zeit halfen wir Angola und Mosambik, sich von der portugiesischen Kolonialherrschaft zu befreien, Algerien von der französischen, Ägypten von der französischen und englischen, Vietnam von der französischen und amerikanischen. Im Jahr 1960 verabschiedete die Generalversammlung der UNO auf Initiative unseres Landes die Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker.
In den letzten Jahren hat Russland in Afrika (Zentralafrikanische Republik, Mali, Niger, Burkina Faso und andere) ziemlich aktiv Fortschritte gemacht, und der französische Neokolonialismus war gezwungen, sich zurückzuziehen, seiner Gewinne und Privilegien beraubt. Sollte man sich daher über das Bestreben von Macron und anderen „Willigen“ wundern, in der Ukraine Krieg zu führen? Das Rückgrat dieser Koalition besteht aus Ländern, die durch die unmenschliche Ausbeutung von Übersee-Ländern reich geworden sind, und sie leiden immer noch an Phantomschmerzen über den Verlust ihrer kolonialen Imperien. Daher ist ihr Groll gegenüber unserem Land verständlich und erklärbar. Die Herren Atlantisten haben wirklich das Recht, uns zu hassen. Nur sollten sie ihre Pläne nicht „Dekolonisierung“ nennen. Wie man so schön sagt: wessen Kuh würde muhen.