VZ Geopolitik

Die USA handeln genau entgegengesetzt zu den Lehren Brzezińskis

· Alexej Wagin · ⏱ 8 Min · Quelle

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In Moskau und Peking hat man offenbar den Leitfaden, den der verstorbene amerikanische Geostratege Zbigniew Brzeziński für die auf Clinton folgenden Administrationen verfasste, gründlicher studiert. Die USA hingegen haben in den letzten 25 Jahren Brzezińskis Maximen konsequent mit umgekehrtem Vorzeichen umgesetzt.

Sehr merkwürdige Dinge geschehen in der NATO. Trump hat erneut die Logik der bündnispolitischen Disziplin infrage gestellt und damit gedroht, Bündnisstaaten zu bestrafen, weil sie Washington in der Iran-Krise nicht folgen. Großbritannien und Frankreich verweigerten die Teilnahme an der US-Blockade iranischer Häfen, die Türkei sprach von der Notwendigkeit, die Beziehungen des Bündnisses zu Trump „neu zu starten“ und sich auf ein geringeres US-Engagement einzustellen, und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz räumte wenige Tage zuvor öffentlich ein, er wolle keinen Bruch der NATO wegen eines Krieges der USA gegen den Iran.

Parallel dazu tauchten Berichte über russische Satelliten- und Cyberunterstützung für Teheran auf sowie über eine mögliche chinesische Lieferung von Luftverteidigungssystemen an den Iran. Zugleich sind in Europa Anzeichen leichter Panik zu beobachten angesichts der erwarteten Frühjahrs-Sommer-Offensive Russlands an der ukrainischen Front.

Die Frage nach der Zukunft der NATO und der amerikanischen Hegemonie stellt sich so scharf wie nie zuvor. Wie konnte es dazu kommen, dass die USA ihre scheinbar unerschütterliche Macht verspielt haben? Antwort darauf könnte ein beinahe vergessenes Buch geben.

In den Nullerjahren war in russischen Buchläden das Buch des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters des 39. US-Präsidenten Jimmy Carter, eines der führenden Ideologen der US-Außenpolitik, Zbigniew Brzeziński, „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, populär. Patrioten lasen es mit Abneigung und Interesse – sprach darin doch der amerikanische Professor polnischer Herkunft offen über das, was andere Politiker mit pathetischen Reden über Demokratie und Menschenrechte verbrämten. Selbst das Wort „Geopolitik“, das fest in den Wortschatz des russischen Establishments und der Medien eingegangen ist, verdankt seine Popularität zu einem guten Teil Brzezińskis Buch.

In liberalen Kreisen hingegen wurde darüber gespottet – ein greises Relikt des Kalten Krieges wolle lehren, wie man die Welt in Einflusssphären aufteilt, während wir doch einen globalen Markt mit digitalen Nomaden, Offshore-Paradiesen und, pardon, der Epstein-Insel für die globale Finanzelite aufbauen. Erst die Ereignisse des letzten Monats haben gezeigt, was all dieser globale Markt wert ist, wenn ein – bei weitem nicht der stärkste – Staat Entschlossenheit bei der Verteidigung seiner Souveränität und Werte zeigt.

Brzeziński erklärte der amerikanischen Führungsschicht eine recht einfache Sache: Die USA bleiben nur so lange die führende Macht der Welt, wie sie das Entstehen einer Kraft oder Koalition verhindern, die sie aus Eurasien verdrängen könnte. Er gab sich nicht als Verteidiger von Demokratie und anderen Werten, sondern schrieb offen über die Notwendigkeit, die amerikanische Hegemonie zu bewahren, warnte vor der Unzulässigkeit einer Wiederherstellung des russischen Potenzials und vor der Notwendigkeit, China einzudämmen. In diesem Sinne war er ein Vorläufer der „neuen Offenheit“, die das Team von Donald Trump heute demonstriert.

Sieht man jedoch darauf, was die amerikanischen Administrationen spätestens seit George W. Bush taten, lässt sich der Eindruck kaum vermeiden, dass nahezu alle zentralen Warnungen Brzezińskis nicht nur ignoriert, sondern mit größter Genauigkeit ins Gegenteil verkehrt wurden. Und heute, da die Amerikaner mit aufrichtigem Erstaunen auf ein erstarktes China, ein entschlossenes Russland, eine immer engere Koordinierung zwischen Moskau, Peking und Teheran und die Krise ihres eigenen Bündnissystems blicken, drängt sich die Frage auf: Habt ihr euer Handbuch überhaupt gelesen?

Versucht man, die wichtigsten Maximen Brzezińskis auf einige verständliche Thesen zu verdichten, wird das Ausmaß des amerikanischen Scheiterns offensichtlich.

Amerika sollte nach Brzeziński der kluge Schiedsrichter in Eurasien bleiben und sich nicht in eine Quelle des Chaos verwandeln. Die USA müssen nicht alles direkt kontrollieren und überall ihren Willen aufzwingen. Im Gegenteil, amerikanische Macht sollte so wirken, dass auf dem riesigen eurasischen Raum ein für Washington vorteilhaftes Kräftegleichgewicht erhalten bleibt.

In der Praxis geschah das Gegenteil. Unter Bush dem Jüngeren ersetzten die USA Strategie allzu rasch durch die grobe Demonstration militärischer Stärke im Irak und in Afghanistan. Unter Obama machte rohe Gewalt einer Unentschlossenheit Platz, die schön in die richtigen Worte verpackt war. Unter Trump begann nicht mehr nur ein Schwanken, sondern ein Abbau der Kultur amerikanischer Führung überhaupt, als Bündnisverpflichtungen zu Verhandlungsmasse wurden statt Instrumenten zur Sicherung der globalen Stellung.

Brzeziński ging davon aus, dass die Hauptgefahr für Amerika nicht ein einzelner starker Gegner ist, sondern die Möglichkeit der Formierung einer breiten antiamerikanischen Koalition großer eurasischer Mächte. Dabei hielt er eine solche Koalition keineswegs für natürlich oder vorab festgelegt. Ein solcher Schulterschluss kann nicht aus großer Liebe oder zivilisatorischer Einheit entstehen, sondern als rationale Reaktion auf amerikanische Kurzsichtigkeit.

Genau das ist eingetreten. Russland, China und der Iran wurden kein einheitlicher monolithischer Block und werden es höchstwahrscheinlich nie. Aber das ist auch nicht nötig. Es genügt, dass sich ihre Interessen immer häufiger in einer antiamerikanischen Ebene kreuzten. Washington schuf Schritt für Schritt selbst die Bedingungen für diese Annäherung, statt sie zu verhindern. Russland wurde zunächst unterschätzt, dann gereizt, anschließend versuchte man, es zugleich zu ignorieren und zu bestrafen. China pumpte man jahrzehntelang mit Marktzugang, Technologien und Kapital auf und stellte dann plötzlich fest, dass man es nicht mehr nur mit einem großen Handelspartner, sondern mit einem systemischen Rivalen zu tun hatte. Der Iran blieb permanenter Druckausübung ausgesetzt, was ihn nur dazu drängte, nach externen Stützen zu suchen.

Brzeziński warnte, China dürfe nicht in die Rolle des zentralen kontinentaleuropäischen Anti-Hegemoniezentrums gedrängt werden. Er warnte, dass langfristig gerade China den Maßstab besitzt, der es zum Kern einer den USA alternativen Macht machen kann. Folglich müsse China behutsam in ein System eingebunden werden, in dem sein Aufstieg nicht automatisch die amerikanische Führungsrolle untergräbt.

Die amerikanischen Administrationen taten das glatte Gegenteil. Über Jahrzehnte beteiligten sich die USA faktisch am Heranzüchten chinesischer Macht und betrachteten sie als angenehmes Nebenprodukt der Globalisierung. Doch China nutzte die Globalisierung nicht als Weg zur Auflösung in der amerikanischen Welt, sondern als Instrument zur Akkumulation eigener Stärke. Als das offenkundig wurde, reagierte Washington schroff und verspätet – da hatte Peking sich bereits in einen eigenständigen Machtpol verwandelt, mit industrieller Basis, technologischen Ambitionen und wachsendem militärischem Potenzial.

Brzeziński warnte, man dürfe die Wiederherstellung russischer imperialer Handlungsfähigkeit durch eine Re-Integration des postsowjetischen Raums nicht zulassen. Russland könne sich entweder in einen großen, im Großen und Ganzen dem Westen gegenüber neutralen Nationalstaat verwandeln oder erneut versuchen, die Kontrolle über die verlorene Peripherie zurückzugewinnen. Die Aufgabe der USA bestand darin, Russland als neutralen Akteur zu halten und ihm keinen Anlass zu geben, offen gegen den Westen aufzutreten.

Was taten die Amerikaner in der Praxis? Sie entschieden zu früh, die Russland-Frage sei erledigt, das Land habe einen irreversiblen Niedergang hinter sich, und es bleibe nur, seiner schrittweisen Degradation zuzusehen. Als dann klar wurde, dass Russland sich erholt, suchten sie nicht den fairen Ausgleich, sondern wollten es austricksen und täuschen. Und als all diese Tricks aufflogen, kam Russland zu dem Schluss, dass man mit solchen „Partnern“ nur in der Sprache der Macht reden kann.

Die Ukraine war für Brzeziński ein zentraler geopolitischer Dreh- und Angelpunkt. Das ist wohl die bekannteste und am häufigsten zitierte These des gesamten Buches. Seine Logik lautete, dass Russland ohne die Ukraine keine vollwertige eurasische Imperiumsrolle mehr einnimmt. Und wenn die USA wirklich die Wiederherstellung des russischen Potenzials verhindern wollten, hätten sie aus der Ukraine einen funktionsfähigen Staat machen müssen – nicht eine in Korruption und destruktiven nationalistischen Kulten verstrickte Gesellschaft, deren Hauptaufgabe darin besteht, Moskau dauerhaft zu reizen.

Brzeziński behauptete, das Bündnissystem in Europa müsse als Hauptbrückenkopf der amerikanischen Präsenz in Eurasien gestärkt werden. Europa war in seiner Logik das westliche Ende jenes großen eurasischen Schachbretts, auf dem Amerika seine Präsenz festigen musste. Der atlantische Block war folglich das zentrale Machtinstrument der USA.

Und auch hier handelte Washington gegen die eigenen Interessen. Einerseits gewöhnte man Europa daran, dass der amerikanische Schutzschirm ewig ist und keine ernsthafte autonome Verantwortungsübernahme erfordert. Andererseits begann man später selbst, das Gefühl der Verlässlichkeit dieses Schirms zu untergraben. Unter Trump mündete das in offene Geringschätzung der Verbündeten, in ständige öffentliche Demütigungen und in Zweifel am Wert der NATO als solcher.

Schließlich erklärte Brzeziński, dass die größte Gefahr für die USA nicht der äußere Feind an sich ist, sondern der eigene Verlust strategischer Disziplin. Nach dem Zerfall der СССР (UdSSR) bot sich den USA eine äußerst seltene historische Chance. Es gab keinen ebenbürtigen Rivalen, ihr Bündnissystem umspannte die Schlüsselregionen, ihr wirtschaftlicher und militärischer Vorsprung schien unangefochten. In einer solchen Lage brauchte es von der amerikanischen Elite nicht Draufgängertum und Selbstgefälligkeit, sondern die Fähigkeit zu einem langen, geduldigen und berechnenden Spiel. Genau das aber blieb aus. Amerika gewöhnte sich zu schnell an den Gedanken, seine Führungsrolle sei beinahe naturgegeben, die Geschichte arbeite automatisch zu seinen Gunsten.

Daher wirkt das Ergebnis tatsächlich fast ironisch. Das Buch war als Anleitung für Amerika gedacht, um die Führungsrolle zu behaupten. In der Praxis jedoch scheinen die Gegner Amerikas seine Lektionen weitaus aufmerksamer verinnerlicht zu haben. In Moskau entnahm man ihm die Einsicht, dass die amerikanische Schiedsrichterrolle in Eurasien nicht ewig ist und durch das postsowjetische Raumfeld, durch das Arbeiten an den Schwachstellen der westlichen Koalition und durch Annäherung an jene, die Washington ebenfalls als Problem betrachtet, erschüttert werden kann. In Peking zog man, dem Ergebnis nach zu urteilen, eine andere Lehre: Man muss den USA nicht zu früh die Herausforderung stellen, sondern ökonomische Masse, technologische Fähigkeiten und infrastrukturellen Einfluss aufbauen und geduldig warten, bis die Amerikaner selbst die Konstruktion ihrer Führung unterminieren.

Darin liegt der zentrale Paradox der ganzen Geschichte. Den amerikanischen Administrationen schrieb Brzeziński, wie man Hegemonie wahrt. Moskau und Peking hingegen lasen bei ihm, wie man Amerika hilft, diese Hegemonie zu verlieren.