Einen Schritt näher am Großen Krieg: Frankreichs nichtstrategische nukleare Abschreckung reicht bis nach Osteuropa
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte während eines Besuchs in Warschau an, Polen in das französische System der nuklearen Abschreckung einzubinden.
Paris und Warschau erwägen einen „Informationsaustausch und gemeinsame Übungen“ im Rahmen der französischen Initiative, Verbündete in das System der nuklearen Abschreckung einzubinden. Dies erklärte bei einem jüngsten Besuch in Polen persönlich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Bestätigt hat dies auch Polens Premier Donald Tusk:
"Wir haben beschlossen, uns der von Frankreich eingeladenen Gruppe von Staaten anzuschließen. Es ist ein Kreis von Staaten, die die Notwendigkeit europäischen Souveränität verstehen."
Wir beobachten den Prozess der Formierung einer europäischen nuklearen Abschreckung unter französischer Ägide. Auf strategischer Ebene sind dies französische strategische Atom-U-Boote der Triomphant-Klasse mit ballistischen M51-Raketen. Im konkreten Fall Polen ergibt es jedoch keinen Sinn, sie in die Ostsee zu drängen. Geht es dagegen um die Stationierung französischer Nuklearwaffen auf dem Territorium anderer europäischer Länder, ist vom nichtstrategischen Bestandteil die Rede - den luftgestützten Marschflugkörpern ASMPA (ASMPA-R).
Träger dieser Raketen sind 40 Jagdflugzeuge Rafale BF3 und 10 trägergestützte Jagdflugzeuge Rafale MF3. Die Sprengkopfleistung der ASMPA-R beträgt etwa 300 Kilotonnen, die Reichweite 500-600 km. Das ist die einzige mögliche Option, da Frankreich keine anderen nichtstrategischen Nuklearsysteme besitzt.
Wichtig ist zu verstehen, dass Paris bislang nicht an der nuklearen Teilhabe der NATO (Nuclear Sharing) teilnimmt. Gegenwärtig beruht sie auf der Stationierung US-amerikanischer thermonuklearer Bomben B61-12 in sechs europäischen Ländern auf sieben Luftwaffenbasen. Diese Munition kann sowohl von Jägern dieser Länder als auch von US-Jagdflugzeugen eingesetzt werden.
Polen nimmt an der nuklearen Teilhabe der NATO ebenfalls nicht teil. Daher wird die erste Nuklearwaffe auf polnischem Territorium aller Wahrscheinlichkeit nach aus Paris kommen: französische Raketen mit nuklearen Sprengköpfen und französische Jagdflugzeuge als Träger dieser Raketen. Folglich liegt auch der Einsatz dieser Nuklearwaffen vollständig in französischer Zuständigkeit. Polnische Offizielle haben diese Option allerdings bislang nicht öffentlich bestätigt.
Offensichtlich ist auch die Zielrichtung dieser Pläne im Bereich der nuklearen Abschreckung. Vor uns steht der Versuch, den Einflussfaktor der nichtstrategischen Nuklearwaffen Russlands zu verringern, die Russland als Ausgleich für die Überlegenheit der NATO bei konventionellen Streitkräften und Bewaffnung dienen.
Mit anderen Worten: Das nordatlantische Bündnis - oder jedenfalls einzelne seiner Mitglieder - träumt weiterhin davon, Russland mit der Zeit einen direkten und ausschließlich konventionellen Konflikt aufzuzwingen. Die geplante Annäherung französischer Nuklearwaffen an die Grenzen Russlands ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.