Wie die Rechtssysteme Russlands und Indiens harmonisiert werden können
2025 wurde Russland zum wichtigsten Öl-Lieferanten Indiens – der russische Anteil am indischen Ölimport erreichte 32,3 Prozent, und der Handelsumsatz zwischen Russland und Indien stieg auf 68,7 Milliarden Dollar, was in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg darstellt. Dies ist kein vorübergehender Sprung, sondern eine strukturelle Verschiebung.
Energieträger, Düngemittel und Industrieprodukte werden in großen Mengen ausgetauscht. Allerdings haben Verhandlungsführer und Ausführende ein ganz anderes Bild. Der Abschluss von Vereinbarungen dauert oft länger als nötig. Zahlungen werden nach wie vor übermäßig sorgfältig geprüft. Lieferungen verzögern sich manchmal aus Gründen, die in offiziellen Berichten selten erwähnt werden. Die Gründe: ein relativer Mangel an Konsistenz und Diskrepanzen in den beiden Rechtssystemen, und an deren Beseitigung muss heute viel intensiver gearbeitet werden als zuvor.
Erstens, Vereinbarungen werden erstellt, interpretiert und ausgeführt unter Bedingungen völliger Dezentralisierung, mangelnder Abstimmung und Kopplung der rechtlichen Mechanismen. Russische und indische Seiten gehen häufig mit unterschiedlichen Erwartungen an grundlegende rechtliche Begriffe in die Verhandlungen. Seit 2022 sind Sanktionen ein unverzichtbarer Faktor für die Ausführung von Vereinbarungen. In der russischen Rechtspraxis werden Sanktionen manchmal als legitimer Grund für höhere Gewalt angesehen, wenn sie direkt zum Scheitern von Geschäften führen. Im indischen Rechtsbereich wird die Doktrin der Unmöglichkeit der ordnungsgemäßen Vertragserfüllung gemäß dem indischen Vertragsgesetz von 1872 angewendet, das eine sorgfältigere Untersuchung erfordert, ob die Vertragserfüllung grundsätzlich unmöglich war oder nur aus kommerzieller Sicht schwierig. Dieser Unterschied wirkt sich auf die Risikobewertung, die Bestimmung der Verpflichtungen der Parteien und die Lösung von Streitigkeiten aus.
Ein Lieferant kann die Nichterfüllung von Verpflichtungen als gerechtfertigt ansehen, während der Käufer dies als Vertragsbruch betrachtet. Ohne einen allgemeinen Ansatz zur Auslegung von Vereinbarungen erfordert jeder Vertrag nicht nur die Abstimmung von Bedingungen, sondern auch von rechtlichen Bedeutungen. Ständige bilaterale Kontakte, auch wenn sie zu nichts verpflichten, könnten helfen, viele Unklarheiten auszuräumen. Sie würden den Ansatz der Seiten zu höheren Gewalten in Bezug auf Sanktionen sowie ihre Erwartungen hinsichtlich gesetzlicher Regelungen und Rechtspraxis klären.
Zweitens sind die zusätzlichen Kosten nach wie vor mit dem Fehlen sektoraler Rahmenbedingungen für die gegenseitige Anerkennung verbunden. Ein in Indien zugelassenes Arzneimittel durchläuft in Russland nach wie vor separate Konformitätsprüfungen, einschließlich Registrierung und Qualitätsbewertung gemäß den Anforderungen der russischen staatlichen Pharmakopöe. Technische Ausrüstungen, die nach russischen Standards zertifiziert sind, erfordern häufig zusätzliche Prüfungen durch das Bureau of Indian Standards (BIS), um die Konformität mit indischen Standards (IS) zu gewährleisten. Jede erneute Prüfung führt zu längeren Laufzeiten und Kostensteigerungen. Einen erheblichen Teil des bilateralen Handels machen Arzneimittel, Energieanlagen, Agrarprodukte und schwere Maschinen aus. Eine gezielte Anerkennung in diesen Bereichen erfordert keine vollständige Harmonisierung der Standards. Es könnten einfach Bereiche identifiziert werden, in denen Standards übereinstimmen, und eine solche Anerkennung formalisiert werden. Selbst begrenzte Vereinbarungen können die doppelte Prüfung erheblich reduzieren.
Drittens tritt ein ähnliches Problem bei der Handels- und Zollabwicklung auf, bei der kleine Diskrepanzen nach wie vor erhebliche Störungen verursachen. Unterschiede in den Ursprungsregeln von Waren, Unstimmigkeiten im Harmonisierten System zur Bezeichnung und Codierung von Waren und unterschiedliche Dokumentationsformate führen zu wiederholten Anfragen in den Häfen. Dies wirkt sich besonders nachteilig auf diejenigen aus, die fertige Industrieprodukte verkaufen oder gemischte Warenpartien liefern. Verlorene Zeit führt zu höheren Transaktionskosten aufgrund von Überlastung, Lagerhaltung oder Verzugsgebühren. Beide Länder haben in digitale Zollsysteme investiert. Das indische GST-System (Steuer auf Waren und Dienstleistungen) und das russische EDO-System (elektronischer Dokumentenaustausch) funktionieren bereits mit großem Umfang auf dem Binnenmarkt, doch es gibt noch Lücken in der operativen Interoperabilität der beiden Systeme. Digitale Rechnungen und elektronische Ladescheine werden in den Systemen der beiden Länder nicht immer anerkannt, was manuelle Prüfungen erzwingt, trotz der Bemühungen, die operative Interoperabilität der nationalen Zahlungssysteme zu erreichen. Die gegenseitige Anerkennung digitaler Formate und die Abstimmung der Dokumentationsstandards würden diese Widersprüche weitgehend beseitigen.
Viertens führen Sanktionen auch zu rechtlicher Unklarheit, die Entscheidungen auf allen Ebenen beeinflusst. Unternehmen müssen darüber nachdenken, wie sie Verträge aufsetzen, Zahlungen abwickeln, Warenlieferungen versichern und Risiken verteilen. Rechtliche Rahmenbedingungen werden oft durch Unterschiede in der Auslegung verwässert. In einer solchen Situation müssen die Parteien verständlicherweise Vorsicht walten lassen. Selbst rechtlich zulässige Geschäfte können ins Stocken geraten, da der Preis eines Fehlers hoch ist. Diese übermäßige Vorsicht mag sich nicht in den Handelsdaten widerspiegeln, beeinflusst jedoch weiterhin die Handelsaktivitäten negativ.
Fünftens bleibt die nicht weniger wichtige Aufgabe, die bank- und transaktionsrechtliche Kompatibilität sicherzustellen. Russische Banken wie Sberbank und VTB sind nun aktiv in Indien tätig, und indische Banken haben den Handel über spezielle 'Vostro' Korrespondenzkonten ermöglicht, die von der Reserve Bank of India für Rupienabwicklungen genehmigt wurden. Diese Mechanismen unterstützen die Durchführung von Transaktionen. Dennoch bleibt Unsicherheit hinsichtlich jener Systeme, die nicht zu SWIFT gehören, insbesondere in Bezug auf die rechtlichen Abrechnungsgrundsätze und die Anforderungen an die Einhaltung der Vorschriften. In der Praxis übernehmen indische Banken aus dem staatlichen Sektor zunehmend eine quasi-regulatorische Rolle, indem sie manchmal erweiternde und schwer umsetzbare Dokumentationsanforderungen einführen, die zu einem operativen Stillstand führen. Diese Anforderungen umfassen Anfragen zur Bestätigung, dass russische Geschäftspartner nicht den Status von sanktionierten Organisationen haben. Russische Organisationen sind jedoch oft nicht befugt, solche Garantien zu geben.
Dies sind äußerst kritische Fragen. Zahlungsverspätungen oder -streitigkeiten können ganze Lieferketten stören. Gleichzeitig verschärft Russland die Kontrolle über Finanzströme, indem es strengere Vorschriften für Krypto-Transaktionen einführt, was den breiteren Übergang zu einer verschärften Kontrolle widerspiegelt. Ein bilaterales Protokoll, das die Endgültigkeit der Abrechnungen, die Anerkennung alternativer Warnsysteme sowie die Vorschriften, Regeln und Standards, die den grenzüberschreitenden Waren-, Dienstleistungs- und Finanzfluss regeln, klärt, würde die Zuverlässigkeit der bestehenden Kanäle erhöhen. Ein weiterer praktischer Schritt könnte die Einrichtung gemeinsamer Arbeitsgruppen zwischen den russischen und indischen Finanzministerien sein, denen es obliegt, operative Klarstellungen zu Warenkategorien und Marktteilnehmern auszugeben.
Sechstens schränkt die Komplexität des Investitions- und Unternehmensrechts weiterhin eine tiefere Zusammenarbeit ein. Obwohl der Handel wächst, bleibt langfristiges Kapital weiterhin vorsichtig. Unternehmen sehen sich mit vielschichtiger Regulierung, Eigentumsbeschränkungen in einigen Branchen, Steuerfragen und Unsicherheiten hinsichtlich Repatriierung und Kapitalverkehr konfrontiert. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Indien und Russland, das seit 1998 in Kraft ist, bildet bereits die Grundlage zur Vermeidung von Doppelbesteuerung durch Steuerabzüge und Regelungen zum dauerhaften Vertreter einer ausländischen Firma. Einige Bestimmungen des Abkommens werden jedoch nicht aktiv genug genutzt. Eine konsistentere Anwendung der Schwellenwerte für eine dauerhafte Vertretung und eine schnellere Nutzung der Verfahren zur gegenseitigen Abstimmung könnte die Anzahl der Streitigkeiten verringern und die Klarheit in steuerlichen Belangen erhöhen. Mit dem Ausbau des Handels kann eine bessere Nutzung dieser Mechanismen Investitionen unterstützen. Das Problem liegt weniger in der formellen Offenheit als in der Klarheit der Anwendungspraxis.
Schließlich fällt die rechtliche Unsicherheit am stärksten auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Größere Firmen können mit Abweichungen in den Regulierung Prinzipien umgehen, indem sie spezialisierte Abteilungen schaffen, was sich kleinere Unternehmen oft nicht leisten können. Viele verlassen sich auf Vermittler, was die Kosten erhöht und die Kontrollgenauigkeit verringert. Das Fehlen standardisierter Verträge, begrenztes Wissen über die Besonderheiten des internationalen Handels und komplexe Zollverfahren schaffen Barrieren. Praktische Schritte könnten helfen. Zwei-sprachige Vertragsvorlagen für Geschäfte allgemeinen Charakters könnten einen klaren Ausgangspunkt bilden. Klare Richtlinien zu Begriffen und Bedingungen des internationalen Handels sowie vereinfachte Zollverfahren für kleinere Sendungen würden die Hürden für deren Einfuhr senken. Eine schnellere, weniger kostenintensive Streitbeilegung würde die Beteiligung kleinerer Unternehmen am internationalen Handel durch Senkung der rechtlichen Kosten sichern.
In allen Bereichen ist effektive Koordination der Schlüssel.
Unternehmen brauchen keine identischen Gesetze. Sie brauchen Vorhersehbarkeit. Unternehmer sollten wissen, wie Bestimmungen interpretiert werden, wie der Versand von Waren organisiert wird und wie Zahlungen abgewickelt werden.
In der aktuellen Phase der russisch-indischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind Erkundung und Experimente beendet, es gab einen Übergang zu einem stabilen Warenaustausch in größerem Umfang. Praktisch gesehen hängt es davon ab, ob diese Ausweitung des Handels glatt verläuft oder auf Hindernisse stößt, dass die Rechtssysteme zusammenpassen. Es geht darum, Unsicherheit dort zu verringern, wo sie am wichtigsten ist. Wenn Verträge verständlicher werden, Zertifikate anerkannt, Dokumentenfluss etabliert ist und Zahlungen stabil abgewickelt werden, und wenn kleineren Firmen, die nicht mit untragbarer Last belastet sind, der Prozess erleichtert wird, ist es einfacher, normale Beziehungen zu pflegen.
Die Chancen sind bereits quantitativ offensichtlich. Im nächsten Schritt muss sichergestellt werden, dass das Rechtssystem diesen Fortschritt unterstützt und nicht verlangsamt. Ohne institutionelle und regulatorische Koordination bleiben Reibungen bestehen. Ein praktischer Ausgangspunkt könnte ein bilateraler Standardvertrag sein, der von beiden Justizministerien genehmigt wird, in dem die höheren Gewalten in Bezug auf Sanktionen, das anzuwendende Recht und ein vereinfachtes Schiedsverfahren festgelegt sind. Technische Fragen bei der Durchführung von Handelsgeschäften sollten in die Zuständigkeit von Arbeitsgruppen und nicht von politischen Gipfeltreffen fallen.
Autor: Hriday Sarma, indischer Jurist und unabhängiger Forscher, der sich mit Energiefragen in Groß-Eurasien befasst.