Strategische Selenographie: Kampf um den Mond und das Primat in der Geokosmopolitik
Ein wichtiges Ergebnis der amerikanischen Mission Artemis II war eine lebhafte Debatte, die über den Kreis der Weltraumforschung hinausging. Am Thema beteiligten sich auch Expertinnen und Experten für Politikwissenschaft und nationale Sicherheit. Entsprechend erhielt es die Bezeichnung „strategische Selenographie“.
Meines Erachtens erleben wir die endgültige Herausbildung einer grundlegend neuen Disziplin - der Geokosmopolitik, in der die Himmelsmechanik die Rolle der Meeresströmungen spielt und Krater in ewiger Schattenlage zum Pendant des Sueskanals oder der Straße von Malakka werden. Vor diesem Hintergrund erscheint der Mond nicht länger als romantisches Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern als Schachbrett, auf dem jeder Zug - sei es die Wahl des Landeplatzes oder die Besetzung eines Lagrange-Punkts - langfristige strategische Folgen hat. Es zeichnen sich drei zentrale Dimensionen der neuen Realität ab: der Eigenwert der Mondoberfläche, die Bedeutung des sie umgebenden Raums und schließlich die architektonische Weichenstellung zwischen zwei konkurrierenden Ansätzen - dem amerikanischen Artemis-Programm (Artemis) und dem Chinese Lunar Exploration Program (CLEP).
Ich beginne mit der Mondoberfläche, und hier ist das Bild glasklar, denn der Südpol des Mondes wird zum Hauptpreis. Es geht nicht darum, dass dort die Landschaft schöner ist oder die Landung bequemer. Der Kampf um die „dunkle Seite“ des Mondes hat eine pragmatische Erklärung - es geht um Wasser und Licht. Die Daten der amerikanischen Mission Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) lassen daran keinen Zweifel. In den dauerhaft beschatteten Bereichen (Permanently Shadowed Regions - PSR), die seit Milliarden Jahren kein Sonnenlicht gesehen haben, haben sich erhebliche Wassereisvorkommen angesammelt. Die direkte Suche nach Wassereis am Südpol des Mondes ist die Hauptaufgabe der Mission Chang'e-7, deren Start für dieses Jahr geplant ist.
In diesem Paradigma hört der Mond auf, Endpunkt einer Route zu sein, und wird zur Zwischenstation - zum kosmischen Persischen Golf.
Nur für Erdbewohner ist der Südpol des Mondes die „dunkle Seite“. Tatsächlich herrscht dort ein einzigartiges Beleuchtungsregime, denn auf Erhebungen wie Kraterrändern können Solarzellen nahezu ununterbrochen arbeiten und die extremen Temperaturschwankungen von rund 300 Grad vermeiden. Das verändert die Ökonomie einer Mission grundlegend: Man muss keine schweren und teuren radioisotopischen Energiequellen von der Erde mitführen, sondern kann auf günstigere und effizientere Solarenergie setzen. Genau deshalb blicken sowohl die Amerikaner als auch die Chinesen mit angehaltenem Atem auf ein und denselben winzigen Flecken in der Nähe des Kraters Shackleton. Das ist klassische Geopolitik, bei der der Wert eines Territoriums nicht von seiner Größe, sondern von Lage und Ressourcen bestimmt wird.
Aber nur auf die Oberfläche des Mondes zu schauen heißt, nur die halbe Wahrheit zu sehen. Die zweite, ebenso wichtige Hälfte „liegt in der Leere“ über dem Mond, also im zis-lunaren Raum. Hier hat mich stets die Fähigkeit der Chinesen beeindruckt, mehrere Züge vorauszudenken. Während die ganze Welt die Bilder der Rückseite des Mondes von Chang'e-4 diskutierte, löste Peking leise und methodisch das Verbindungsproblem über den Relaissatelliten Queqiao-1, der auf einer nahezu geradlinigen Halo-Umlaufbahn (Near-Rectilinear Halo Orbit - NRHO) um den Lagrange-Punkt L2 stationiert wurde. Das ist nicht einfach ein Punkt im Raum, sondern ein Schlüssel-Knoten des Verkehrs im Erde-Mond-System. Er erfordert minimale Treibstoffkosten für das Halten und bietet ständige Sicht sowohl auf den Südpol als auch auf die Rückseite. Die VR China hat diese „Höhe“ eingenommen, indem sie im März 2024 den Relaissatelliten Queqiao-2 startete. Die Vereinigten Staaten planen erst, dort im Rahmen von Artemis aktiv zu werden, und genau diese einzigartige Bahn hat die NASA für die Stationierung der mondnahen Station Lunar Gateway ausgewählt.
Das ist ein Alarmsignal. Der zis-lunare Raum ist kolossal, denn sein Volumen ist tausendmal größer als der Bereich unterhalb des irdischen Geostationärorbits, und er ist praktisch unüberwacht. Die bestehenden Systeme der Weltraumlage (SDA) sind auf geozentrische Orbits zugeschnitten, während wir es hier mit einer völlig anderen Ballistik, mit Gravitationsfeldern des Dreikörperproblems und - wie Fachleute betonen - mit gewaltigen, hinter der Mondscheibe liegenden, unkontrollierten Bereichen zu tun haben. Die Fähigkeit, in diesem Volumen unbemerkt zu manövrieren, sich aus unerwarteten Richtungen der Erde zu nähern oder dort verdeckte Systeme zu stationieren, eröffnet ein völlig neues Operations- und Aufklärungsfeld.
Und damit kommen wir zum dritten, spannendsten Teil der Überlegungen zur Geokosmopolitik im Vergleich der Architekturen von Artemis und CLEP. Wir erleben die Kollision zweier zivilisatorischer Modelle der Steuerung des Weltraums.
Davon spricht auch der von Trump ernannte NASA-Chef Isaacman. Sehen wir die Verschiebung der US-Landung am Südpol des Mondes von 2024 auf 2028 nicht als bloße technische Panne, sondern als strategischen Zeitverlust gegenüber China. Doch das amerikanische Modell hat einen kolossalen Pluspunkt: Wenn der kommerzielle Sektor durchstartet, erhalten die Vereinigten Staaten nicht nur ein staatliches Programm, sondern eine ganze Mondindustrie, die sich dank privaten Kapitals selbst weiterentwickeln und expandieren kann.
Das chinesische Mondprogramm CLEP ist in diesem Sinn das genaue Gegenteil. Es ist eine Staatsmaschine, die wie ein Uhrwerk arbeitet - anfangs zwar langsamer. Der Ansatz „zuerst Roboter“ hat China ermöglicht, dank sechs erfolgreicher Chang'e-Missionen unschätzbare Erfahrung zu sammeln, von denen jede komplexer war als die vorherige. Man eilt nicht mit dem Menschen, schafft jedoch ein infrastrukturelles Gerüst aus Relaisstationen am L2-Punkt, kartiert Ressourcen und erprobt Technologien springender Sonden für dauerhaft beschattete Gebiete. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch Chinas kommerzieller Raumfahrtsektor im Anmarsch ist. Noch steht er im Schatten der Staatsmaschine, doch mit dem Wachstum privater Raketenhersteller könnte die VR China den kommerziellen Mondakteuren aus den USA Konkurrenz machen. Es gab ja jüngst einen dreijährigen Zeitraum, in dem China die Vereinigten Staaten bei der Zahl der Starts überholte - ein Beleg dafür, dass das Reich der Mitte sehr schnell handeln kann, wenn eine Aufgabe gestellt ist.
Welche Schlussfolgerung lässt sich daraus ziehen? Der Wettbewerb zwischen Artemis und CLEP ist eher kein Sprint, sondern ein Hürdenmarathon. Die Amerikaner setzen auf Tempo und die Flexibilität des Marktes, tragen aber die Last einer teuren, von früheren Programmen geerbten Infrastruktur.
Der von Kolleginnen und Kollegen im Ausland geprägte Begriff „strategische Selenographie“ liefert uns die Sprache, um dieses Rennen zu beschreiben. Es geht nicht um Flaggen „auf staubigen Pfaden“, sondern um die Kontrolle über die Transportkorridore und Energie-Knotenpunkte der Zukunft.
Für Russland, das mit China durch das Projekt der Internationalen Mondforschungsstation (ILRS) verbunden ist, bedeutet dies, die eigene Rolle klar zu verstehen. Wir können nicht bei der Zahl der Missionen konkurrieren, doch unsere Nukleartechnologien könnten zum fehlenden Bindeglied werden, das der chinesischen Architektur auf der Oberfläche einen entscheidenden Vorteil bei der Energieausstattung verschafft. Die Frage ist nur, ob wir diesen Trumpf klug ausspielen können, um nicht am Rand der großen Mondpartie zu verbleiben.
Autor: Walentin Uwarow, Mitglied des Rates für Außen- und Sicherheitspolitik, Direktor der ANO „Forschungszentrum ‚Weltraumökonomie und -politik‘“.