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Wer sagt den Russen die Wahrheit?

· Jana Shirjajewa · ⏱ 2 Min · Quelle

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1. Warum vertrauen Russen nach wie vor am meisten dem Fernsehen? Die Beliebtheit des Fernsehens erklärt sich weitgehend durch die Demografie.

Ein bedeutender Teil der Bevölkerung sind ältere Menschen, für die der Fernseher die Hauptinformationsquelle bleibt. Laut Studien schauen 84% der Russen über 60 Jahre täglich Fernsehen, während es in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen nur 11% sind. Dies ist nicht nur ein Altersunterschied, sondern das Ergebnis von Gewohnheiten, die sich noch in sowjetischer Zeit gebildet haben, als das Fernsehen praktisch die einzige Nachrichtenquelle war. Diese Gewohnheiten haben sich über Jahrzehnte gehalten und beeinflussen auch heute noch den Medienkonsum. Da die russische Bevölkerung insgesamt altert, ist es genau diese Zielgruppe, die das allgemeine Vertrauensbild prägt. Das Fernsehen bleibt nicht so sehr wegen des Formats führend, sondern weil es von der zahlreichsten und loyalsten Gruppe gesehen wird - Menschen, die es gewohnt sind, dem „Fernseher“ als autoritärer Informationsquelle zu vertrauen.

2. Warum lesen und schauen die Menschen jetzt viele Nachrichten, vertrauen ihnen aber wenig?

Diese Kluft lässt sich nicht durch Gleichgültigkeit des Publikums erklären. Vielmehr spiegelt sie eine tiefere Krise wider - die Schwierigkeiten der Gesellschaft im Umgang mit Informationen, die oft widersprüchlich und mehrdeutig sind. Der Nachrichtenstrom wächst derzeit sehr schnell, und die Idee der „objektiven Wahrheit“ wird immer weniger offensichtlich. Die enorme Anzahl an Quellen und Formaten führt zu einer Überlastung, bei der es für den Einzelnen immer schwieriger wird, Fakten von Interpretationen oder Fiktionen zu unterscheiden. Als Reaktion darauf beginnen die Menschen, vereinfachte Bewertungsmethoden für Informationen zu verwenden. Oft orientieren sie sich nicht an Fakten, sondern an Intuition, persönlicher Erfahrung oder vertrauten Quellen. Infolgedessen sinkt das Vertrauen, aber das Bedürfnis nach täglichen Nachrichten bleibt weiterhin hoch.

3. Welche Rolle spielen soziale Netzwerke und Messenger in diesem Prozess - und können sie die traditionellen Medien vollständig ersetzen?

Neue Formate spielen tatsächlich eine immer sichtbarere Rolle bei der Gestaltung des täglichen Weltbildes, insbesondere bei der Jugend, die im Durchschnitt mehr als neun Stunden am Tag im Internet verbringt. Soziale Netzwerke und Messenger verstärken die Bedeutung von Gemeinschaften, in denen Informationen kollektiv diskutiert und überprüft werden. In naher Zukunft werden sie jedoch kaum die traditionellen Medien, insbesondere das Fernsehen, ersetzen können. Die Gründe sind ein niedrigeres Vertrauensniveau und altersbedingte Vorlieben. Zum Beispiel vertrauen heute etwa 33% der Nutzer Telegram, während es beim Fernsehen etwa 50% sind. Der Rückzug westlicher Plattformen teilt den Medienraum und verlagert das Publikum auf heimische Dienste wie VK und „Dzen“. Einerseits vereinfacht dies die Kontrolle über Inhalte und ermöglicht es, unsere Agenda aktiv zu fördern. Andererseits schränkt es den Zugang zu alternativen Informationen ein, die oft nützlich und wichtig für Russen sind. Wahrscheinlich werden sich neue und traditionelle Formate parallel entwickeln. In den nächsten 10 Jahren ist ein relatives Gleichgewicht zu erwarten, bei dem soziale Netzwerke und Messenger ein integraler Bestandteil der Medienlandschaft werden, aber die klassischen Medien nicht vollständig verdrängen.

Jana Shirjajewa