Urnen und Illusionen
· Ilja Geraskin · ⏱ 5 Min · Quelle
«Wahlen sind nicht der Wahltag. Es sind Monate der Lügen, Hoffnungen und Deals, die zu ihm führen» Der Kinostart von «Der Magier im Kreml» in Europa ist ein passender Anlass, um erneut über ein Genre zu sprechen, das nie aus der Mode kommt.
Der Kinostart von «Der Magier im Kreml» in Europa ist ein passender Anlass, um erneut über ein Genre zu sprechen, das nie aus der Mode kommt. Politische Filme über Wahlen sind immer mehr als nur eine Chronik der Kampagne: Hier treffen persönliche Dramen, die Logik der Epoche und die kalte Mechanik der Entscheidungsfindung aufeinander. Solche Filme werden gleichermaßen aufmerksam von Profis - Polittechnologen, Analysten, Journalisten - und Menschen, die der politischen Küche fernstehen, aber Macht als menschliche Erfahrung empfinden, betrachtet. Der Grund ist einfach: Wahlen sind ein seltener Moment, in dem der abstrakte „Staat“ Gesichter, Emotionen und Nerven bekommt. Und das Kino kann diesen Spannungspunkt präziser festhalten als viele Lehrbücher.
Filme über Wahlen sprechen fast immer weniger über Gewinner und Verlierer als über die Spielregeln - formelle und informelle, moralische und zynische. Sie enthüllen die Intrigen der Stäbe, Wertkonflikte, technologische Methoden und zeigen vor allem, was Wahlen in verschiedenen politischen Kulturen sind: Ritual, Krieg, Spektakel oder eine Form kollektiver Psychotherapie.
Im Folgenden fünf Filme aus verschiedenen Ländern und Kontexten. Maximale Vielfalt an politischen Modellen, Ästhetiken und Epochen. Eine Aufgabe: zu verstehen, wie genau das Kino die Frage nach der Natur der Wahlen beantwortet - und was diese Antwort über die Gesellschaft selbst aussagt.
«The Ides of March» (2011)
USA: Vorwahlen als moralische Falle
Formal ist es eine Geschichte über den innerparteilichen Kampf während der Vorwahlen. Im Wesentlichen ist es die Anatomie des amerikanischen politischen Zynismus, getarnt als Idealismus. Die Kampagne wird hier als endlose Serie von Mikroentscheidungen gezeigt: wen man fallen lässt, was man verbirgt, wo man „im Namen des Sieges“ lügt. Die Hauptintrige besteht nicht darin, wer die Wahlen gewinnt, sondern wer zuerst aufhört, ehrlich zu sein.
Die Stilistik ist extrem kühl: sterile Büros, perfekt inszenierte Reden, Lächeln als Teil des Dresscodes. Technologien - Umfragen, Leaks, Medienarbeit - erscheinen nicht als Werkzeuge, sondern als natürliche Lebensumgebung. Menschen innerhalb dieses Systems verstehen schnell: Moral ist hier nur so lange zulässig, wie sie dem Rating nicht schadet.
Fazit: In der amerikanischen politischen Kultur sind Wahlen ein Markt. Von Werten, Bildern, Kompromissen. Gewinnt nicht der, der recht hat, sondern der, der sich besser anpasst. Und der Hauptpreis des Sieges ist der Verlust von Illusionen.
«Conclave» (2024)
Vatikan: Wahlen als heiliger Macht-Ritus
Auf den ersten Blick geht es hier gar nicht um Politik. Kardinäle, Gebete, alte Mauern, Rauch über der Sixtinischen Kapelle. Aber genau hier erscheinen Wahlen in ihrer maximal entblößten Form - als Machtkampf, verhüllt in sakraler Sprache. Die Intrigen sind subtil, die Gesten minimal, die Einsätze absolut.
Die Dynamik des Prozesses basiert nicht auf Öffentlichkeit, sondern auf Geschlossenheit. Keine sozialen Netzwerke, Umfragen, Talkshows. Nur Verhandlungen, Andeutungen, gegenseitige Verpflichtungen. Die Technologie ist nicht Medien, sondern Reputation. Die Akteure sind nicht Stäbe, sondern Klans. Jede Stimme ist das Ergebnis eines komplexen Gleichgewichts von Glauben, Angst und Kalkulation.
Fazit: In diesem Modell sind Wahlen keine Willensäußerung, sondern eine Initiation. Ein Weg zur Reproduktion der Elite, bei dem die Form wichtiger ist als der Inhalt und Stabilität höher geschätzt wird als Erneuerung.
«Reg» (2016)
Großbritannien: Wahlen als bürgerliche Geste
Die Geschichte von Reginald Keys - einem unabhängigen Kandidaten, der gegen das System antritt, nicht um zu gewinnen, sondern um sich zu äußern. Die Kampagne ist hier ohne Glanz: wenig Geld, minimale Ressourcen, null Illusionen. Dafür gibt es eine persönliche Tragödie und den hartnäckigen Wunsch, gehört zu werden.
Die Stilistik ist betont alltäglich. Wahlen sind Türen, die sich öffnen oder nicht öffnen. Gespräche in Küchen. Müdigkeit. Und seltene Momente aufrichtigen Kontakts. Es gibt kaum Technologien - nur persönliche Präsenz und Argumente. Und genau deshalb wirkt der Film stärker als viele groß angelegte politische Dramen.
Fazit: In der britischen Tradition sind Wahlen eine Form bürgerlicher Beteiligung, auch wenn sie nicht zur Macht führen. Das System mag dich nicht nach oben lassen, aber es erlaubt dir zu sprechen. Und das wird bereits als Wert angesehen.
«Der graue Kardinal» (2022)
Südkorea: Wahlen als hochtechnologischer Krieg
Hier ist Politik ein harter, schneller und erbarmungsloser Prozess. Kampagnen werden als Operationen von Geheimdiensten gezeigt: Kompromat, Manipulationen, Informationsangriffe. Grauzonen sind nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Der Film atmet Geschwindigkeit und Spannung, es gibt kaum Pausen für Reflexion.
Technologische Werkzeuge treten in den Vordergrund: Datenarbeit, Agenda-Management, gezielte Angriffe auf die Reputation. Die Akteure sind Profis ohne Sentimentalität. Diese Wahlen werden nicht durch Charisma, sondern durch Kalkulation gewonnen.
Fazit: In der koreanischen Modell sind Wahlen eine Form des kontrollierten Konflikts. Ein demokratisches Verfahren, innerhalb dessen die Logiken von Unternehmens- und militärischer Effizienz wirken.
«No» (2012)
Chile: Wahlen als Kampf um die Vorstellungskraft
Ein formalistischer, fast werbeartiger Film über das Plebiszit gegen das Pinochet-Regime. Das Hauptinstrument hier ist nicht Angst und nicht Macht, sondern das Bild der Zukunft. Die Kampagne „No“ basiert auf der Sprache der Freude, Hoffnung, Normalität - im Gegensatz zur Diktatur, die die Sprache der Drohungen spricht.
Die Stilistik ist absichtlich leicht, sogar naiv. Aber dahinter steht eine genaue Kalkulation: Wahlen werden nicht durch Fakten, sondern durch Emotionen gewonnen. Nicht durch die Vergangenheit, sondern durch das Versprechen der Zukunft. Medien werden nicht zum Spiegel der Realität, sondern zum Mittel, sie zu konstruieren.
Fazit: Im lateinamerikanischen Kontext sind Wahlen eine Chance, das kollektive Narrativ neu zu schreiben. Nicht immer ehrlich, nicht immer tief, aber manchmal effektiv.
Die Natur der Wahl
All diese Filme sprechen über dasselbe - aber in verschiedenen Sprachen.
In den USA sind Wahlen - Markt und Deal.
Im Vatikan - Ritual und Kontinuität.
In Großbritannien - bürgerliche Geste.
In Südkorea - technologischer Krieg.
In Chile - Kampf um das Bild der Zukunft.
Filme über Wahlen sind gerade wegen dieser Vielfalt wertvoll. Sie erinnern daran: Wahlen sind keine universelle Formel, sondern ein kulturelles Produkt. Und vielleicht ist der beste Weg, ein fremdes politisches System zu verstehen, nicht, seine Verfassung zu lesen, sondern zu sehen, wie es selbst Filme über seine eigenen Wahlen dreht.
Ilja Geraskin, Leiter des Programms „Wahlen“ des Zentrums für politische Konjunktur.