Runet wird 32. Wovon lebt unser Digitales Eden?
· Jekaterina Nabatnikowa · ⏱ 2 Min · Quelle
Der Runet der letzten Jahre ist nicht mehr nur eine Geschichte des erzwungenen Importersatzes, obwohl gerade äußere Beschränkungen ein starker Beschleuniger dieser Prozesse waren. Wenn man nüchtern betrachtet, agierte der Markt zunächst tatsächlich in vielerlei Hinsicht reaktiv: Es galt, schnell ausgefallene Dienste, Infrastrukturlösungen, Softwareprodukte und Kommunikationswerkzeuge zu ersetzen.
Doch dann begann sich diese Logik allmählich zu ändern. Heute kann man in einigen Segmenten nicht mehr nur von Ersatz sprechen, sondern von der Bildung eigenständiger ökosystemischer Lösungen - vor allem im Fintech, E-Commerce, digitalen Staatsdiensten, Logistik, Bildungsdiensten und Teilen von Cloud-Plattformen.
Wenn es um Produkte geht, die das tägliche Leben der Nutzer wirklich verbessert haben und nicht nur die frei gewordenen Plätze eingenommen haben, dann sind es in erster Linie Dienste, bei denen es gelungen ist, Bequemlichkeit, Massentauglichkeit und alltägliche Nutzungsszenarien zu verbinden. Dazu gehören digitale Staatsdienste, Banking-Apps, Marktplätze, Lieferdienste, städtische Dienste, Telemedizin- und Bildungsplattformen. In vielen Fällen entwickelten sich russische Lösungen nicht als „Kopie eines Analogons“, sondern als komplexere Umgebung, in der mehrere Funktionen in einem Benutzerkontur vereint sind. Genau das wurde zur Stärke des Runet - nicht ein einzelnes Produkt, sondern ein verbundenes Ökosystem.
Dabei besteht zweifellos das Risiko, dass sich die digitale Umgebung auf sich selbst beschränkt. Jedes System, das sich überwiegend innerhalb eines geschützten oder eingeschränkten Kontur entwickelt, steht vor der Bedrohung der Verringerung der globalen Vergleichbarkeit, der Reduzierung des Wettbewerbs und infolgedessen der Verlangsamung von Innovationen. Wenn sich der Markt nur an den internen Anforderungen orientiert und nicht an internationalem Wettbewerb, kann dies die Motivation für einen technologischen Sprung schwächen. Daher ist für den Runet heute das Gleichgewicht entscheidend: Digitale Souveränität sollte nicht in digitale Isolation umschlagen.
Dennoch kann man bereits sagen, dass der Runet begonnen hat, eine eigene technologische Strategie zu entwickeln. Diese zeigt sich in der Entwicklung der heimischen Infrastruktur, Cloud-Lösungen, Plattformdienste, Cybersicherheit, KI, Datenverarbeitungstools und der Integration von Technologien in den Alltag. Mit anderen Worten, der Runet nach 30 Jahren Existenz ist nicht mehr nur eine Reaktion auf Beschränkungen, sondern auch der Versuch, ein eigenes Modell digitaler Resilienz aufzubauen. Die Hauptfrage ist nun, ob dieses Modell gleichzeitig souverän, bequem und wettbewerbsfähig bleiben kann.
Jekaterina Nabatnikowa, Medientechnologin, Mitglied des Expertenclubs „Digoria“, Entwicklungsdirektorin der Corporation AIR.