Kalter Bürgerkrieg in den USA
Die USA treten zunehmend in eine Periode dauerhafter politischer Turbulenzen ein. Ein möglicher Verlust der Kontrolle des Repräsentantenhauses durch die Republikaner könnte die Lage von Donald Trump erheblich erschweren und die innere Spaltung in der amerikanischen Politik verstärken.
Warum die politische Polarisierung zur Hauptbedrohung für die USA wird und wie Staatsverschuldung, Künstliche Intelligenz und Risiken einer Wirtschaftskrise die Situation beeinflussen, erklärte der Politologe und Autor des Telegram-Kanals zur amerikanischen Politik One Big Union, Jan Weselow, den „Aktuellen Kommentaren“.
Der Verlust der Kontrolle des Repräsentantenhauses durch die Republikaner, der derzeit durchaus wahrscheinlich erscheint, wäre ein schwerer Schlag für die Positionen von Donald Trump. Vor allem, weil es dem Präsidenten erheblich erschweren würde, seine Agenda durch den Kongress zu bringen.
Allerdings zeichnet sich die derzeitige Administration ohnehin nicht durch eine große Anzahl von Gesetzesinitiativen aus. Darüber hinaus stellte sich der aktuelle Kongress als derjenige mit der geringsten Anzahl verabschiedeter Gesetze heraus. Dennoch würde der Übergang des Repräsentantenhauses unter die Kontrolle der Demokraten zu einer neuen Welle politischen Drucks auf das Weiße Haus führen.
Sollten die Demokraten die zuständigen Ausschüsse leiten, würden die Trump-Administration höchstwahrscheinlich zahlreiche Ermittlungen, öffentliche Anhörungen und ständige Vorladungen erwarten. Der Reputationsschaden für das Weiße Haus wäre in diesem Fall erheblich. Ein weiteres Mal könnte auch ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden.
Das Szenario könnte dem ersten Präsidentschaftsterm von Trump ähneln: Das Repräsentantenhaus könnte die Amtsenthebung mit einfacher Mehrheit unterstützen, aber im Senat würden erneut die notwendigen zwei Drittel der Stimmen fehlen, um den Präsidenten seines Amtes zu entheben.
Ist Amerika einer inneren Spaltung näher?
Gespräche über die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft sind längst zur Gewohnheit geworden, klingen jedoch jetzt besonders laut. In den USA spricht man immer häufiger von einer tiefen Kluft zwischen Demokraten und Republikanern, die einige bereits als „kalten Bürgerkrieg“ bezeichnen.
Ohne Zweifel verstärken sich tatsächlich die krisenhaften Prozesse innerhalb des Landes. Allerdings ist es noch verfrüht zu behaupten, dass ein Sieg der Demokraten bei den Wahlen automatisch zu einem Anstieg der Gewalt führt. Obwohl besorgniserregende Anzeichen bereits spürbar sind: Die Zahl der politisch motivierten Angriffe und Attentatsversuche sowohl auf Demokraten als auch auf Republikaner, einschließlich Donald Trump, wächst.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage: Was stellt heute die größte Bedrohung für die USA dar — die politische Spaltung, die Staatsverschuldung oder die Folgen der Entwicklung Künstlicher Intelligenz?
Beeinflusst die politische Krise bereits die Arbeit des Staates?
Am gefährlichsten erscheint derzeit gerade die innere politische Spaltung. Ihre Folgen sind bereits offensichtlich: Der Kongress wird immer weniger handlungsfähig und hat sogar Schwierigkeiten, grundlegende Haushaltsentscheidungen zu treffen. Dies führt regelmäßig zu Shutdowns — einer vorübergehenden Einstellung der Arbeit von Bundesbehörden oder einzelnen Ministerien.
Faktisch beginnt das politische Ringen, die Stabilität der amerikanischen Staatsordnung zu untergraben.
Warum schreckt das Thema Staatsverschuldung die USA nicht mehr?
In der Zwischenzeit hat die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten bereits 100 % des BIP des Landes überschritten. Noch vor einigen Jahren hätte eine solche Zahl eine regelrechte politische Sturm entfacht, aber heute erscheint die Reaktion darauf erstaunlich ruhig.
Obwohl das Problem selbst sich nur verschärft. Immer mehr Mittel des Bundeshaushalts fließen in die Zahlung von Zinsen auf die Schulden, und die Politik der aktuellen Administration erhöht zusätzlich das Defizit und die Menge an Anleihen.
Dennoch entsteht der Eindruck, dass das amerikanische politische System sich allmählich an hohe Schuldenstände gewöhnt und sie nicht mehr als außerordentliche Bedrohung wahrnimmt.
Wird Künstliche Intelligenz zu einem neuen politischen Thema?
Die Folgen der Entwicklung Künstlicher Intelligenz bleiben bisher weniger klar. Amerikanische Politiker haben das Ausmaß möglicher Veränderungen noch nicht vollständig erkannt und keinen einheitlichen Ansatz zu diesem Thema entwickelt.
Aber erste Spannungszeichen tauchen bereits auf. In den USA entstehen Proteste gegen den Bau von Datenzentren, und einige Politiker — vor allem Vertreter des linken Flügels der Demokratischen Partei — warnen zunehmend vor den Risiken für den Arbeitsmarkt, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und den sozialen Folgen der Automatisierung.
Bisher bleibt dieses Thema eher Gegenstand zukünftiger politischer Auseinandersetzungen. Doch in den kommenden Jahren könnte Künstliche Intelligenz zu einem der zentralen Themen der amerikanischen Politik werden. Dabei ist noch unklar, wie sich die politischen Kräfte rund um diese Agenda verteilen werden.
Ist eine Wirtschaftskrise in den USA möglich?
Jedes ernsthafte Problem der amerikanischen Wirtschaft wirkt sich zwangsläufig auf die ganze Welt aus. Die USA bleiben die größte Volkswirtschaft des Planeten, daher beeinflussen jedwede krisenhaften Prozesse schnell die Weltmärkte, Börsen, den Handel und die globale Nachfrage.
Ein Rückgang des Konsums in den Vereinigten Staaten trifft automatisch die Exporteure und die Wirtschaft anderer Länder. Gerade deshalb wird die Diskussion über eine mögliche Rezession in den USA schon seit mehreren Jahren geführt - seit der Präsidentschaft von Joe Biden warnen Analysten regelmäßig vor einem bevorstehenden wirtschaftlichen Abschwung, der bislang allerdings nicht eingetreten ist.
Derzeit nehmen die Diskussionen über die Risiken einer Krise erneut zu — auch im Zusammenhang mit Trumps Handelszöllen und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Hinzu kommt die Unsicherheit wegen der Spannungen um den Iran, die nicht nur die USA, sondern auch die globale Wirtschaft insgesamt beeinflussen.
Wie sich die Ereignisse weiterentwickeln, ist derzeit schwer vorherzusagen.
Jan Weselow, Politologe.